Postutopistisch – 2018

Die Heimat des Schreibenden

[Der folgende Text ist gleichzeitig entstanden mit den Verhandlungen über die künftige Einrichtung eines „Heimatministeriums“ in Deutschland – allerdings habe ich davon erst später mitbekommen und die Intentionen dürften andere sein; dennoch zeigt diese Synchronizität, dass das Thema Heimat „in der Luft zu liegen“ scheint.]

In den Kulturwissenschaften wird „Heimat“ unter anderem definiert als „Ort, an dem man sein kann, ohne etwas zu bezahlen“ (oder – im vorkapitalistischen bzw. bald nachkapitalistischen Zustand: ohne etwas zu leisten). Eine schöne Definition eines heutzutage problematischen weil missbrauchten Begriffes – für den eine Wiederaneignung im gerade genannten Sinne schön wäre.

Ein Ort, an dem fürs Dasein keine Gegenleistung erbracht werden muss. Nach Erich Fromm die mütterliche Liebe; aber ich stelle mir auch das Dorf vor, in das mensch nach seinen Lehr- und Wanderjahren zurück kehrt. Dieses Heimatkollektiv ist es auch, für das der Schreibende schreibt. Der Zeitungsreporter erzählt von den neusten Veranstaltungen und den neusten Regeln der Gemeinschaft – Gesetzen – sowie den jüngsten Verstößen gegen diese. Der Reiseschriftsteller erzählt von unbekannten Winkeln der Erde (was immer schwieriger wird). Und der Wissenschaftler (_die Wissenschaftlerin) schreibt über die neusten Entdeckungen auf den Reisen des – empirischen und rationalen – Verstandes.
Allen gemeinsam ist, dass sie eine „Community“ haben, die ihnen zuhört – beziehungsweise in den letzten hundert Jahren: die ihre Texte liest. Bei der Lokalzeitung die Stadt, beim „Spiegel“ das Land und beim Wissenschaftler die wissenschaftliche Community mit ihren Publikationen, ihren Konferenzen und ihren Lehrstühlen.
Durch das Schreiben erreicht mensch mehr Menschen als im Redekreis um ihn sitzen, als sein Sprechorgan an Reichweite besitzt; dadurch bilden sich Kollektive der Zuhörenden, die sich gegenseitig nicht sehen oder hören können; die Heimat, die den Reporter trägt und bezahlt oder ernährt, wird nicht mehr an eine feste Gruppe oder einen festen Ort gebunden, wird deterritorialisiert.
Jetzt, im frühen 21. Jahrhundert, ist die Deterritorialisierung so weit fortgeschritten, dass jeder Mensch in irgendeinem Sub-Kollektiv Erzählender ist – und anderswo Zuhörender. Die Frage bleibt jedoch offen, welche dieser Subkollektive die Erzählenden tragen können. Was gibt ein Erzählender mehr als andere, um dafür dann materielle Güter zu bekommen? Wie muss ein Geist aussehen, der so begeistert, dass Materielles dafür gerne hergegeben wird?
Offenbar anders als der meinige, zumindest als mein schreibender Geist. Denn für diesen habe ich bisher noch nicht einmal ein Fischbrötchen bekommen – das gab es nur als täglich Lohn für meinen zuarbeitenden Geist im Verlagspraktikum, also für den Teil meines Kopfes, der Rechtsschreibfehler korrigiert und den Teil meiner Hände, der Druckwerk in Versandtaschen steckt.
Ich ahne aber mehr und mehr, was es ist, was Leute ihre Fischbrötchen, ihre Kartoffeläcker, ihre Weinberggrundstücke und ihre Kontodaten oder Nobelpreisdotierungen freudig herschenken lässt, nur um eine Geschichte zu lesen wie die von Harry Potter oder vom „Unbehagen der Geschlechter“. Es ist dasselbe, was auch das Gold für die Olympiasieger bezahlt und trägt: Die Menschen wollen im Athleten sehen, zu was Ihresgleichen in der Lage sind, wollen in sich aufsaugen, was neben all dem Ausschuss, all den Mäkeln und Vergänglichkeiten ihre wahre Kraft ist. [Sie wollen den Schein von Unvergänglichkeit in einer vergänglichen Welt.]

[Jetzt kommt ein kleiner Exkurs in die Naturwissenschaften und für den nächsten Satz bräuchte es ein Preisausschreiben für eine Wortneuschöpfung: Wie „einst“ in der fernen Vergangenheit für eine sehr ferne Zukunft.] Die Kräfte der Entropie, des chemisch-physikalischen Maßes der Unordnung, sind unendlich bis zum einstkünftigen „Wärmetod“ des Universums. In chemischen Reaktionen gibt es eine Energiebilanz und eine Entropiebilanz. Eine Verbrennung setzt Energie frei, die Heizungen oder Motoren betreibt; die Photosynthese bindet Energie in Stoffe, namentlich Zuckerverbindungen, Grundlage nicht nur von Holz und Erdöl. Nur als zwei prominente Beispiele. Die Bilanz für die Energie vor und nach einer chemischen Reaktion ist also mal positiv und mal negativ. Dagegen ist – und jetzt kommts – die Bilanz für die Entropie in beinahe allen chemischen Reaktionen positiv im Sinne von „vergrößernd“, das heißt, die Entropie wächst in fast allen chemischen Reaktionen – insbesondere auf den Makroebenen der Astrophysik; das Universum dehnt sich also seit dem Urknall aus, ebenso die Moleküle, die Elementarteilchen – alle entfernen sich zunehmend voneinander, ähnlich wie beim Übergang von fest zu flüssig zu gasförmig, und irgendwann werden diese sich soweit voneinander entfernen, dass alle Materie schließlich komplett zersetzt wird. Weil Kälte das Verlangsamen jeder Molekülbewegung bis zum Punkt der absoluten Erstarrung zum Festkörper, dem absoluten Nullpunkt – minus 273 Grad Celsius – ist und Wärme das Beschleunigen jeder Mokelülbewegung, bis nichts mehr an Ort und Stelle bleibt, noch nicht einmal mehr Elementarteilchen, spricht man vom „Wärmetod“ des Universums. Soweit erstmal der kleine Exkurs in die Naturwissenschaften.
Eigentlich erzähle ich das nur, weil ich die allumfassende und unausweichliche Kraft der Entropie verdeutlichen will – und die meisten Leute spüren diese Kraft, auch ohne den Begriff zu kennen. Ja, jeder Mensch weiß, dass er sterben wird – dass seine Moleküle irgendwann nicht mehr in den Energiekomplex „Lebewesen“ eingebettet sein werden und sein chemischer Reaktionsapparat nicht ewig den kosmisch gesehen seltenen Zustand der Entropiereduktion aufrecht erhalten können wird. (Ja, das vielleicht noch zum Schluss dieses naturwissenschaftlichen Exkurses – nur ein Satz noch, denn dafür geht es um das „Wunder des Lebens“: Es gibt die umstrittene, aber meiner Meinung nach schöne Theorie, dass lebende Systeme sich von unbelebten Systemen dadurch unterscheiden, dass bei chemischen Reaktionen in lebenden Systemen die Entropiebilanz ausnahmsweise negativ ausfällt, also lebende Systeme innerhalb ihres Organismus für die Dauer ihrer Lebendigkeit Entropie verringern.)
Ja, wir Menschen wissen – noch so ein umstrittenes Paradox – als einzige Lebewesen – dass dieser Zustand nicht für immer ist, wir wissen es einfach, dass wir sterben werden. Aber wir denken nicht daran, wir spüren es höchstens dann, wenn wir einen Sportler bewundern, wenn wir einen Nobelpreis verleihen, eine ingenieurstechnische Meisterleistung bestaunen (oder geometrisch perfekte Musik) oder auch nur ein sauber und gerade geschnittenes Brett Holz. Es gibt so viele mögliche falsche Bewegungen und so viele mögliche Unebenheiten, im Holz, in der Aufbockung oder in der Säge, dass die eine richtige Bewegung in uns eine tiefverwurzelte Ehrfurcht freisetzt.
Wir wissen einfach, dass wir auf unzählige Weisen krank werden können, wir sehen es auch manchmal, wenn wir eine neue Warze oder ein neues graues Haar entdecken – das sind alles Vorboten der großen Nachricht, die wir alle kennen; wir wissen, dass jedes vorbeifahrende Auto und jedes offene Fenster eine Möglichkeit des Todes ist.
Dennoch oder gerade deswegen bezahlen wir insbesondere für die Geschichten, die uns für einen kurzen Moment, ja für einen Singularitätsmoment, glauben lassen, „wir“ wären stärker als diese Entropie – und vielleicht sind wir es zwar nicht in diesem Moment, aber für diesen Moment. Das wäre die Singularität – ihr wisst schon: Das, was vor dem Urknall kommt – die letzte Bastion der Metaphysik.
Diese Singularität und mit ihr einhergehende Gefühle von Unendlichkeit oder wenigstens Größe sind es, warum die Menschen im Heimatland einen Vortrag über die Südsee bezahlen, warum ein Student ein Erasmus-Stipendium erhält oder die Lokalzeitung ihr Geld, dafür dass sie die Größe der Stadt mittels der Fülle ihrer Ereignisse deutlich macht.

Soweit hoffe ich, dass diese Erzählung auf der Meta-Ebene jetzt nicht in all zu Vielen von euch den Wunsch erweckt, euer Geld, was ihr freundlicherweise gespendet habt, zurück zu nehmen und rauszugehen. Für diejenigen, die bleiben wollen, sei hiermit die Warnung ausgesprochen, dass von jetzt an der Glaube an die Singularität, an (Unendlichkeit,) Unsterblichkeit oder nur an das Überleben keine Nahrungsquelle mehr im weiteren Text finden wird, ja, das zarte Pflänzchen Hoffnung leider vom Meteoriten erschlagen wird.
[Will jemand gehen?]
Denn leider bauen die meisten menschlichen Zeugnisse der Erhabenheit, die meisten Werke vom Wolkenkratzer bis zur Doktorarbeit auf wirtschaftlichem Wachstum auf, heißt im Grunde auf der Erschließung oder Ausbeutung neuer Naturressourcen. Dass es erst solcher empirischer Wälzer wie der Berichte des „Club of Rome“ oder der IPCC-Klimaberichte (oder diesem Werk vom BUND hier [Zukunftsfähiges Deutschland hochhalten]) bedarf, um eine so banale Sache zu erkennen wie die Endlichkeit natürlicher Ressourcen, ist schon verblüffend. Manche sagen, man bräuchte den Blick auf die Erde von oben oder eine Art Globalisierung dafür, aber reicht es nicht auch schon, den Mikrokosmos zu beobachten – dass zum Beispiel Holz schneller verbrennen als wachsen kann – und daraus auf den Makrokosmos zu schließen?
Genau genommen gehen die Ressourcen nicht zur Neige, sondern ändern nur ihre Zustände hin zu für uns weniger nutzbaren Formen: Kohlendioxid, der Plastikstrudel im Pazifik oder der Dieselruß, ja allgemein Abgase, Abwässer und Abfälle – und hier kommt nun ein letztes Mal der Hinweis – sind nüchtern gesagt Energiezusammensetzungen mit einem höherem Grad an Entropie.
Es gibt in mir die forschende Lust, zu dieser These nun alle mir einfallenden Beispiele aufzulisten und ihre Grenzfälle abwägend zu diskutieren (Wie ist es zum Beispiel mit Edelmetallen?). Aber Wissenschaft ist ja leider etwas, was nur in der Universität einen wirklichen Raum erhält – nur dort bezahlt wird (oder bei interessensgeleiteten Unternehmen) und bei den meisten auch nur das Interesse erhält durch wirtschaftliche Zwangsmittel in Form von Noten, Abschlüssen, dann Geld, dann Futter. Schriftsteller haben dagegen, nicht nur in der Postmoderne, witzig zu sein, also ihren Wert in einem Unterhaltungswert auszudrücken, einem gewissermaßen Hoffnung zu machen, sei es in Form von fiktiven Geschichten, die ins Reich der Phantasie entführen, wo Singularitäten und Unsterblichkeit real sind und in die mensch sich zur Ablenkung von der – Wärmetodswahrheit – flüchten kann wie manche in ihre Seriensucht bei Netflix, sei es in Form des erwähnten unterhaltsamen Hofnarren oder auch in der Form des depressiven Hofnarren, des Höllbeck-ers, der auch schon seit jeher in der Geschichte der menschlichen Kollektive seinen Platz hatte. Und da zwischen Wissenschaft und Schriftstellerei bekanntlich akribisch unterschieden werden soll, will ich hier nicht mehr Wissenschaft reinbringen als absolut notwendig für das große menschliche Ziel der Abendunterhaltung.
Wobei ich damit nicht unterstellen möchte, dass der Grund Ihres und Eures Hierseins allein die Zerstreuung sei; das berührt nämlich noch ein (weiteres) offen geheimes Gesetz der Schriftstellerei: Eine gewisse Hybris, Anmaßung und Arroganz gehören dazu, doch eingehüllt in Habitus. Dies erklärt sich schon daraus, dass die Erzählenden meinen, etwas gesehen oder wahrgenommen zu haben, was die Zuhörenden mehr interessieren könnte als ihre eigentliche sonstige Tätigkeit – und es damit ihrer Aufmerksamkeit wert ist. Auf der Seite der Zuhörenden ist dabei zugleich auch auch eine gewisse Lust an dieser charmanten Form der Unterwerfung vorhanden, also man will diese Leute, die über einem oder vor einem stehen, sie geben qua ihrer Funktion das Gefühl, kurzzeitig von der Verantwortung für das eigene und das Überleben der Sippe entbunden zu sein. Ja, und die Hybris konkretisiert den Begriff der Anmaßung ja auch noch dahingehend, dass es – in der griechischen Tragödie – eine Anmaßung des Menschen gegen Gott ist; in den Tragödien der alten Griechen war es meist ein König, der sich für gottgleich hielt – und am Ende in der Regel einen hohen Preis für diese Anmaßung, für seine Hybris, bezahlen musste.
Definieren wir Gott einmal als den Teil der Welt, der von seiner Dimensionierung her für den Menschen weder gedanklich noch stofflich be-greifbar ist, so ist Gott sowohl die hinter allem kommende und alles zermalmende Kraft der – ihr wisst es – kosmischen Zersetzung als auch gleichzeitig das Paradox der Singularität, in der selbst die umfassendste Urkraft noch einmal ausgesetzt und umgekehrt wird.
Die Hoffnung, dass wir Menschen zumindest als Spezies überleben werden, die Verdrängung des Vergänglichen, ist die Wurzel all jener Wirtschaftsbereiche, die nicht unmittelbar für das nackte Überleben nötig sind – wir nennen sie Kultur. Die Kultur ist eine Hybris und wer sie überzeugend vermitteln kann, dem geben wir Geld, was letztlich nur Kredite sind, die in Erwartung von weiterem Wirtschaftswachstum durch die Notenbanken gedruckt beziehungsweise gutgeschrieben werden; und dieses Wirtschaftswachstum beruht auf der Umwandlung von natürlichen Ressourcen in für Menschen nutzbare Energie – mit einem zunehmenden Maß an nicht nutzbaren Restsstoffen. Ja, Marx sagt, dass Profit sich aus Kapital, Arbeit und Natur=Boden speist und ich müsste noch mehr Fokus auf die Verteilungsfrage legen. Allerdings beantwortet die Verteilungsfrage nur, welcher Mensch wieviele Einheiten an Naturressourcen und die Kalorien wievieler arbeitender Menschen in die Materialisierung seiner geistigen Vorstellungen umwandeln darf – nicht jedoch, wieviele Energieeinheiten insgesamt umgesetzt werden. Da insgesamt mehr Energie umgesetzt wird, also die Wirtschaft wächst, leben bekanntermaßen auch die ärmeren Menschen länger und besser als mancher Reiche der vergangenen Jahrhunderte.
Es ist schön, dass wir immer mehr Wohlstand haben und auch immer mehr Kultur, dass wir durch Teller, Besteck, Trinkspruch, Tischgebet und gedimmte Begleitmusik fürs Dinnergespräch aus der Nahrungsaufnahme ein Ritual machen, das ihre Notwendigkeit an die Grenze des Unaussprechlichen schiebt. Es gibt uns Möglichkeiten, gönnerhaft zu geben und uns gegenseitig zu bewundern – und die meisten von uns haben noch nicht genug Nöte erlebt, um zu wissen, ob diese gebende Solidarität auch dann im Not-Fall noch anhält. Im Krieg tut sie es per Definitionem nicht mehr – zumindest nicht für jene, die zum „Feind“ erklärt werden – aus wirtschaftlichen Interessen, was letztlich vorgezogene instinktive Überlebenskämpfe sind. Sind wir im letzten Akt des Überlebenskampfes alle eine Horde von egoistischen Berserkern? Immerhin spielte die Darstellung eines Gegenbeispiels, wie ein Mann die nur einen Menschen tragende Planke der untergegangenen Titanic seiner Geliebten überlässt, bald 2 Milliarden Einheiten hoher Währung in irgendeinen Kassenzusammenhang.
Ich wünsche mir natürlich den Fall der grenzenlosen Geschwisterlichkeit bis zum gleichzeitigen Tode aller und befürchte allerdings etwas Anderes.
Erwarte das Schlimmste, hoffe das Beste – soviel östliche Weisheit hatte ich immerhin schon beim Abi.
Ja, und jetzt sitze ich hier und erzähle Euch, dass alle Kultur nur auf dem anmaßenden Glauben an einen möglichen Sieg über unsere Vergänglichkeit aufbaut und ich als Schreibender – oder zum derzeitigen Augenblicke Vor-Lesender – in jedem Falle als Erzählender, auch ein Teil dieser Anmaßung bin – ein Teil, der sie sogar so bewusst begeht, dass er darüber erzählt und daher seine Funktion erhält.
Und doch tue ich das, was ich als „Öko“ tagtäglich tue: Ich warne vor dem nahenden Sieg eben dieser verdrängten Vergänglichkeit. Wenn ich dabei an einem Stand für einen Umweltverband stehe, verbinde ich dies mit einer Hoffnung, dass dessen Lobbyarbeit wesentlich mehr ist als ein Tropfen auf den heißen Stein und die Menschen, die bei mir Mitglied werden, tatsächlich etwas tun können gegen die uns noch aus dem Dunkel schon umgreifende Kraft der Vergänglichkeit und Zersetzung, die immer deutlicher spürbar wird. Ich überzeuge, dass Umweltverbände etwas dagegen tun können, dass wir Menschen durch das Abfackeln von Jahrmillionen an Wäldern, die als Erdöl, Kohle und Gas im wahrsten Sinne unter uns weilen und immer mehr weilten, dennoch unsere paar Jahrhunderte industrieller Zivilisation erhalten können. Und weil ich dies durch fokussierende Ausblendung des ganz Großen überzeugend vertreten kann, verdiene ich damit wahrlich hundertmal mehr Geld als bisher durch Texte wie diesen.
Weil Hoffnung in den meisten und auch in diesem Falle – lustig: Falle – nur durch eine Ausblendung der allerschlimmsten Rahmenbedingungen möglich ist. Ein Kind lässt sich nicht zeugen im selben Moment wie der wahrhaften Vorstellung von dessen Tod. Und wir würden wohl nicht fähig sein, weiterhin zu arbeiten bei der Vorstellung, dass unsere letzten 200 Jahre möglicherweise das Ende von mehr als 10000 Jahren Zivilisation schon jetzt besiegelt haben; dass die „Grenzen des Wachstums“ viel mehr sein werden als ein Buchtitel, sondern ein omnipräsentes Lebensgefühl, das schon jetzt im Aufschwung der dystopischen Literatur der letzten Jahre oder des „düsteren Turns“ in vielen Filmserien von Star Trek bis James Bond zu beobachten ist, das schon jetzt ein drohendes Donnergrollen eines neuen Weltkriegs erhören lässt, wenn man zuhört, was hinter den populären Irrsinnigkeiten von Trump, AfD und all den anderen Scharfmachern steckt und noch schlimmer, welche gesellschaftlichen Stimmungen sie hervorgebracht haben, dann kann einem schon Angst werden – gerade, wenn man ökologisch denkt.
Denn dann weiß man schon jetzt, dass die AfD nur durch Flüchtlingsströme und diese wiederum durch Kriege und diese Kriege wiederum durch Klimawandel und Ressourcenverknappung zustande kommen. Eine Kausalkette, die sich in vielen Beispielen fortsetzt.
Da fällt es schon schwer, sich noch weiter in die anmaßende Tätigkeit des Schreibens zu versetzen und nicht schon lange die Gartenkralle zu schwingen. Denn auch die Annahme, mensch wäre beruflich gut in dem, worin mensch in der Schule gut war – bei mir war es das Schreiben – baut auf jene Kultur auf, die generell Schulen, Unis, Lehrpläne, Kalender, überhaupt unsere Zeitrechnungen und Wochentakte hervorgebracht hat (alles unwahr außer der Kultur).
Ich wünsche mir, dass die Deutsche Nationalbibliothek mit meinem und anderen Namen darin auch noch weitere potentielle Weltkriege überleben wird – doch ich weiß, dass auch das Schicksal der Bibliothek von Alexandria letztlich auf alle und alles wartet.

mic, Leipzig, 15.02.2018

Das Kapital schreibt sich ins Straßenbild ein

Was ist das für eine Zeit, in der wir leben?
Wie entwickelt sich der moderne Kapitalismus weiter?
Wenn ich durch die Heimatstadt meiner Jugend fahre, nehme ich wahr, wie viele corporate-designete Werbetafeln sich überall breit machen, wo früher handgemachte, setzkasten-gedruckte Schilder hingen.
Die Digitalisierung vereinheitlicht und schalten die Formbilder gleich, die einem umherschweifenden Blick auf den Straßen begegnen, und eine Spielart der Kommerzialisierung lässt die Werbung in immer mehr Bereiche vordringen, die bisher frei von Markt, Konkurrenz und Corporate-Design, also Firmen-Design waren.
Selbst für Gott gibt es nun schon Werbetafeln an Schildern neben der Autobahn, und Bibelzitate prangen auf Tanklastzügen – schon fast wieder unfreiwillig komisch.

Dabei möchte ich nicht sagen, dass es nicht schon immer den Trend gegeben hat, aus ökonomischen Gründen manche Designelemente zu vereinheitlichen, auch zum Beispiel die Setzkastenbuchstaben aus dem späten Jahrhundert wurden ja in Fabriken gefertigt, was jedoch neu ist, ist die Dominanz von global agierenden Firmen im öffentlichen Leben und im Alltagsleben und auch zunehmend in unserer Alltagssprache. Ich finde das eine verängstigende Machtkonzentration.

Reich-Südwest und Arm-Ost im Bus

Krass, wie die Gesichter hier im Bus in Ludwigsburg alle ins Leere starren, als wären sie verklemmt oder verbiestert oder ein wenig geistig debil, aber das Wissen um die Arbeitslosenquote hier, 2 % oder so, kann diese Annahme nicht stützen. Wer debil ist, kann nicht arbeiten. Oder ist hier so viel Arbeit, dass sie selbst für die Debilen reicht?
Ich behaupte: Die Leute hier werden debil DURCH das Arbeiten. Ihre Blicke sind starr und ignorant und irgendwie abfällig, aber anders abfällig als in Leipzig, mit 20 % Arbeitslosigkeit. Dort in Leipzig ist es eher eine wütende hässliche Form von Sozialneid, die die grimmigen Gesichter auslöst; wer zu den Verlierern zählt, hasst die anderen Verlierer, nicht obwohl, sondern genau weil sie alle Opfer und Nutznießer des selben Systems sind. Aber man sieht oft nur den konkurrierenden Nutznießer.
Hier dagegen scheint man gar nichts zu sehen, die Augen gucken in sich gekehrt geradeaus; die Frauen sind unnahbar hinter Schminke und adrett-akkuratem kurzem Beinkleid versteckt. Sehr einfach, hier herauszustechen, wenn man als Einziger offen seine Umgebung wahrnimmt, kommuniziert.
In Leipzig kommuniziert fast jeder, viele mit Hass und Hässlichkeit und Abfälligkeit, aber manche auch mit Freude, Freundlichkeit und dem Geist von gegenseitigem Zuhören & Helfen.
Hier dagegen sprechen noch nicht einmal die Busfahrer mit einem, wenn man einsteigt ohne Fahrschein – sie fahren ruppig, als wären sie betrunken, in beiden Bussen, die ich heute nutzte. Aber betrunken dürften sie nicht sein, vielleicht ist es eher die allgegenwärtige, alles durchdringende, aber nicht bewusste Wut auf ihre Arbeit und den auch um 22 Uhr noch nicht kommenden Feierabend, die sich durch ihre Glieder und bis in die Pedale drückt.
Da ist es gut, nicht noch einmal nachzufragen, ob er denn das Geld für den bereits ausgestellten Fahrschein am Ende noch haben möchte.

Badious Wagner

Gestern gab es in Leipzig im Rahmen einer Vortragsreihe zu 200 Jahren Wagner einen Vortrag des berühmten französischen Philosophen und Neomarxisten Alain Badiou.
Badiou wurde 1937 in Rabat / Marokko geboren und wuchs in Toulouse auf, wo dessen Vater teilweise als Bürgermeister arbeitete. Bereits in jungen Jahren befasste sich Badiou mit Richard Wagner und dessen Opern, 2010 veröffentlichte er das französische Original seines 160-Seiten-Bandes „Fünf Lektionen zum ‚Fall‘ Wagner“, und heute behauptet er von sich, dass er zusammen mit dem slovenischen Philosophen Slavoj Žižek einer der beiden entscheidenden philosophischen Wagner-Interpreten der Gegenwart ist.
In seinem gestrigen Vortrag mit dem Titel „Wagner and the Dialectics of Contemporary Opera“ besprach Badiou, von seinem Auftreten her ein sympathisch selbstironischer Philosophie-Altmeister (in, wie er meinte, so schlechtem Englisch, dass es hoffentlich wie deutsch klinge) die für ihn zentralen Leitmotive der Figuren aus Wagners Opern, nämlich das Motiv des Leidens und das der Zeit, anhand verschiedener Beispiele wie Tannhäuser, Parsifal und Hagen aus den Nibelungen. Badiou zeigt Wagners Figuren als zerrissene Charaktere, die ihren inneren Bruch jedoch nicht in einer neuen Hegel’schen Synthese wieder vereinigen oder heilen können. Am besten illustriert er diese allgemeine Unheilbarkeit des Gebrochenen anhand des Tannhäusers, der unter einem Bruch zwischen der christlichen Religion einerseits und der Naturreligion des Venusberges andererseits leidet. Dieser Fortbestand des Bruchs kommt laut Badiou auch in Wagners Zeitverständnis zum Ausdruck, erstens der Zeit der (leidenden) Subjektivität, zweitens der Zeit der Transition und drittens der Zeit des tragischen Paradoxes. Am Ende schließt Badiou mit der, jawohl, Synthese, dass die Musik von Wagner und die Figuren in seinen Opern nicht nur für die Vergangenheit, sondern auch für Gegenwart und Zukunft von Bedeutung sind, und zwar aus den folgenden Gründen: Da Wagner die Multiplizität der Möglichkeiten aufzeigt, ohne die Realisierung gleich einzufordern; da Wagner die Kunst des Zögerns hochhält, des Sich-Nicht-Entscheidens; da er die Nicht-Dialektik musikalischer Ergebnisse darstellt und immer auf neue Werke verweist; und da er Transformationsprozesse ohne Finalität beschreibt.
Es ist kein Fehler meiner zusammenfassenden Beschreibung, wenn sich einige Thesen und Schlussfolgerungen wiederholen, sondern tatsächlich Teil von Badious Vortrag selbst, der auf eine gewisse Art die Kunst, aus einem Punkt fünf zu machen, zur Blüte bringen konnte. Dies kann Badiou als Person sicherlich höchstens zur Hälfte angelastet werden, besteht doch ein Großteil der intellektuellen und akademischen Äußerungen von Vorträgen über Diskussionsbeiträge bis hin zu Essays und Monographien im wortreichen Aufblähen von Samen zu echten oder vermeintlichen Blüten. Ob eine Blüte echt, also ertragreich ist, liegt sicherlich auch an ihrem Gegenstand und an der Frage, ob aus diesem Gegenstand und seiner Aufbereitung ein Nutzen für das praktische Leben gezogen werden kann. Im Fall von Wagner könnte dieser praktische Nutzung in einer Neubewertung des Zusammenhangs von Musik und Kunst zu Faschismus liegen.
So wie Badiou gleich zu Beginn des Vortrags die Augen zu Schlitzen zusammenkniff, als würde er ein Ziel in ganz weiter Ferne fokussieren, liegt die Vermutung nahe, dass sein Ziel sicherlich weiter gesteckt ist als bis zur simplen Konklusion, dass Wagner die Multiplizität von Möglichkeiten und die Ergebnislosigkeit von Veränderungen zur Kunstform erhebt. Worin dieses weitere Ziel besteht, kommt in Badious Vortrag möglicherweise aufgrund der Unzulänglichkeiten der englischen „lingua franca“ nur aus Interpretationen von Blicken und Untertönen seiner Stimme zum Ausdruck; und vielleicht noch durch den kurzen Schlenker während seiner abschließenden Zusammenfassung, in welchem er darlegte, dass Wagner mit seiner Darstellung der unauflöslichen Ambiguitäten eine Absage an alle Formen von Dogmatismus oder ideologischer Totalität darstellte und den Weg des Herzens als einzige Möglichkeit, Entscheidungskraft zu bekommen, offen lässt. Ist nach Badiou also Wagner ein Botschafter des Herzens, gar ein verkappter Hippie? Woher rührt dann dessen gleichzeitige Richtungsoffenheit ins Martialische und die Faschistische?
Es ist dafür sicher fruchtbar, mit Alain Badiou den Boden der rein deutschen Wagner-Interpretation zu verlassen und sich zu fragen, was neben Badiou viele Menschen in Ländern wie Frankreich und England an so typisch deutscher Kunst und Musik fasziniert, wie sie im Klassischen bei Wagner und im Zeitgenössisch-Populären bei Rammstein zu finden ist, der im Ausland mit Abstand erfolgreichsten deutschen Musikgruppe.1 Und warum geht diese Faszination ausgerechnet von jenen Ländern des zivilisierten Abendlandes aus, welche in den Weltkriegen die letztlich siegreichen Gegner des barbarischen Deutschlands waren?

Badiou befreit sich gleich zu Beginn seines Vortrags davon, sich mit Wagners Faschismus-Tendenzen zu befassen und er versucht darzulegen, dass eben nicht der Faschismus, sondern eine nicht-dogmatische, nicht-ideologische Form des Lebens, der Synthese von Dingen und Ereignissen und damit des politischen Entscheidens aus Wagners Kunst abgeleitet werden kann. Die gebrochenen Charaktere, die Badiou darstellt, sind eben genau nicht der Weg zum fest entschlossenen Faschismus, sondern der vielleicht einzige Weg, nicht in diesem mitzumarschieren. Der Faschismus ist die Versteifung eines Theoriekonzepts zu stahlharter Herrschaft, die Übertünchung aller Zweifel und inneren Widersprüche durch ein klares Konzept mit einer zeitlichen (Endsieg) und räumlichen (z.b. Osten) Richtung, mit klaren Befehlsketten und der Notwendigkeit der Entschlossenheit auf allen Ebenen in der Kette: Vom Soldaten, der ohne zu zweifeln oder ohne Alternativen in Erwägung zu ziehen, den Schießbefehl befolgt, bis zu den Generälen, die ihre Strategien ohne Rücksicht auf Verluste durchziehen (oder die Verluste von tausenden Menschenleben dem Ziel eines Feldzugs unterordnen, was im „totalen Krieg“ zur totalen Maxime emporwucherte).
Die Gebrochenheit, die Badiou in die Figuren Wagners hinein interpretiert, ist allerdings aus den wenigen Beispielen, die er mit Hilfe von Opernfilmen verdeutlichte, nicht eindeutig herauszulesen. Tannhäuser spricht bzw. singt von seinem Sterben im Hospiz, „in Schnee und Eis gebettet“ und von seiner Verdammung durch den Papst, da er beim Venusberge war und somit in der Hölle schmoren soll, da er so wenig Leben geben könne wie aus einem toten Stock Blätter grünen könnten. Nicht nur die unauflösliche Gebrochenheit ist charakterisierend für solche Opernauszüge, auch die Theatralik der großen Begriffe darin, wie „in Schnee und Eis gebettet“, Höllenfeuer oder tote Stöcke, ist markantes Merkmal von Wagners Stil. Badiou nennt dies die „monumentality of suffering“, die Monumentalität des Leidens, und und beschreibt Tannhäuser selbst als gebrochenes Monument.
Textstellen wie „… das Bett in Flammen sehen“, „… das Blut vom Degen lecken“, „… wirf in die Luft die nasse Kette / und wünsch mir, dass ich eine Mutter hätte“, „… sie ist der hellste stern von allen“ oder die Frage „Können Herzen rein sein? / Kann ein Herz zu Stein sein?“, stammen nicht aus Wagners Arien, sondern aus Liedern der Band Rammstein, die sich entweder bei Wagner plagiativ bedient oder einfach aus dem selben Geist heraus zeitgenössische rockmusik komponiert haben. Das klar gerolltes R, wie es in Tannhäusers Arie als exzentrisches Monument steht, als ja beinahe als Schlüssel zur Gesangsfrequenz und Inbrunst des Opernsängers, ist auch das Markenzeichen der im Ausland bekanntesten deutschen Rockband. In beiden Fällen zeigt sich die Faszination der deutschen Stimme im europäischen Ausland durch ihre Monumentalität begründet, durch die Tiefe, mit der sich Gegensätze sprachlich ausdrücken und im Gesang fühlbar machen lassen, was sich bis in die Gegensätzlichkeit der harten, abgehackten Konsonanten zieht. Darin lässt sich auch die Gründlichkeit spiegeln, mit der viele Deutsche sowohl im Maschinenbau und Ingenieurwesen, als auch im Krieg und in der industriellen Vernichtung von Menschen, als auch in der Erschaffung großer und lückenloser Theorieentwürfe à la Kant und Marx tätig sind.
Diese tief ritzenden, gründlichen Gegensätze musikalisch und künstlerisch auszutragen, wird von Interpreten wie Badiou oder anderen Menschen in Ländern wie England und Frankreich wohl klarer getrennt von einer Austragung des selben in Politik und Krieg. Die Herangehensweise ist fruchtbar und erfrischend undeutsch: Sie zeigt, dass zwischen Politik und Kunst noch klarer zu trennen ist, auch wenn dies keineswegs heißt, dass Kunst unpolitisch ist oder sein sollte. Vielmehr ist es ein gesunder Umgang mit der politischen Dimension von Kunst, bestimmte Mentalitäten, unauflösliche Ambivalenzen, monumentales Leiden oder auch, die besondere Tiefe deutscher Sprachgewalt, in einem Ambiente auszudrücken, das vom offenen Ende lebt und von der Weitergabe der letztgültigen Entscheidung und Bewertung an das Publikum, das Plenum, die Basis der Bevölkerung. Somit könnten die offenen Enden von Wagners Opern, laut Badiou Wagners bekannteste Schwachstelle, als ein Mittel angesehen werden, die letzte Entscheidung zwischen all den scharf schneidenden Möglichkeiten ganz demokratisch runter von der Bühne an die Bevölkerung vor der Bühne abzugeben.

  1. http://www.solinger-tageblatt.de/Home/Karl/Rammstein-Phaenomen-im-Ausland-8c898eef-0905-4c80-8de3-c7e6ffbfce8b-ds [zurück]

Fuck for Forest! Eine Doku zur Doku, aktuell in den Kinos

In dem Film „Fuck for Forest“, einer im Jahr 2012 von polnischen und deutschen Filmemachern unter der Regie von Michal Marczak gedrehten Dokumentation über das gleichnamige Öko-Porno-Projekt, werden deren Protagonisten für einige Zeit bei ihren Aktivitäten in Berlin und im Amazonas-Regenwald begleitet, ihre Lebensphilosophie und ihre Lebenskonflikte dargestellt.
Es ist so traurig wie die Wirklichkeit: Da sammeln junge Menschen Geld, um den Regenwald zu retten und scheitern damit an der Ignoranz und Arroganz der westlichen Gesellschaft und der indigenen tropischen Gesellschaft gleichermaßen.
Wie kann das denn nur passieren? Wohl, weil sie ihr Geld auf eine Art und Weise herangeschafft haben, die sich in quasi allen Kulturkreisen an den Grenzen von Anstand und Moral bewegt: Nacktbilder, Sexfilme und Pornos. Und selbstverständlich können sie auch nur Geld mit diesen Bildern und Filmen verdienen, weil Nacktheit nicht normal, Sexualität nicht öffentlich praktiziert wird und nicht jeder Mensch ein erfülltes Sexualleben hat – oder weil manche Menschen einfach so einen Heißhunger auf Pornos haben.
Für Tommy, Leona, Natty und Danny ist es vor allem die Darstellung eines, ja DES natürlichen Vorgangs schlechthin, und eine neue und für sie uralte Verbindung zu diesem zentralen Teil des Lebens, was sie zelebrieren. Zumindest drücken sie sich in dem Film so aus, als würde es ihr Ziel sein, Nacktheit und Sexualität wieder zu einem Teil des normalen Lebens zu machen. Und sie machen in ihren Filmen vor, wie dies geht: Nackt Bäume umarmen; Liebe machen in der Natur; gelegentlich mit natürlichen Drogen wie Haschisch, Pilzen oder brasilianischem Ayahuasca experimentieren; und auch mal eine Hand voll Blut und Sperma ablecken.
Ein Bild von Natur, das davon ausgeht, dass es etwas gibt, was jenseits des falschen Lebens gegen die Natur existiert: Ein unmittelbares, triebgesteuertes Leben, nackt und im Einklang mit Tieren und Pflanzen; selbst wieder Tier werden gemeinsam mit den Tieren und für die Tiere, mit den Pflanzen und für die Pflanzen. Ein Gedanke, der durchaus die Bemühung einer ernsthaften Auseinandersetzung verdient, und der Film schafft es tatsächlich, zu vermitteln, dass es sich bei den Porno-Aktivisten um echte Idealisten handelt. Auch wenn Idealist in diesem Fall nicht heißt, im Auftrag einer höheren Moral unterwegs zu sein, sondern vielmehr im Auftrag einer triebhaften Natur, die weder hoch noch niedrig kennt, sondern einfach existiert. Somit ist es keineswegs widersprüchlich zur Hippie-Attitüde, neben dem Kuschel- durchaus auch Hardcore-Sex im Programm zu haben, oder wie Protagonist Tommy, tatsächlich ein reisendes indisches Mädchen aus Mumbai in Oslo zu „kidnappen“, die dann bei Fuck for Forest mitmacht und von ihrer Familie entehrt wird.
Auf die genauen Umstände dieses Falls geht der Film nicht näher ein und erlaubt damit auch kein abschließendes Urteil darüber, wie freiwillig Kaajal bei Fuck for Forest dabei ist. Damit rieselt weiterhin das Wasser über die Mühlen der Kritik an Pornographie, die als zentrales Argument hervorbringt, dass die meisten Frauen nicht wirklich freiwillig an den Drehs teilnehmen. Die Tatsache, dass Kaajal nicht wegläuft und zur Polizei geht, trotz offensichtlicher Möglichkeiten, und dass sie ganz selbstverständlich mit den anderen Aktivisten zusammen lebt, mit ihnen isst, Sex hat, und nach Brasilien reist, deutet eher auf eine gute gemeinsame Zeit hin. Allerdings bleibt offen, inwieweit sie als entehrte Inderin in Europa eine andere Option gehabt hätte als diese. Es ist ein großes Manko des Films, Kaajal nie direkt zu ihrer Rolle im Projekt zu Wort kommen zu lassen.
Als weibliche Aktivistinnen, die mit Leib und Seele hinter Fuck for Forest stehen, stechen dafür Leona und Natty heraus, die als Mitglieder des Kernteams zeigen, wie ein weiblicher Zugang zur Pornographie aussehen kann und durchaus emanzipiert wirken. Und die reine Heteronormativität wird auch dadurch aufgehoben, dass Danny im Film Sex mit einem Mann hat.
Wieweit das manchmal machohafte oder piratenhafte Verhalten von Männern wie Tommy bewertet werden soll, ist schließlich eine Frage von Sympathie und Wohlwollen. Vor allem die Straßenszene in der brasilianischen Kleinstadt könnte die Zuschauer_innen in zwei Lager spalten. Darin ruft Tommy, auf einem offenen Jeep in einer Gruppe von mit Gewändern, Dreadlocks, Arm- und Halsketten behangenen Hippies unterwegs, einer hübschen jugendlichen Frau, die gerade offenbar von der Schule zu ihrem Motorroller geht, zu: „Do you want me to kidnap you?“ und fragt seine Mitstreiter, ob sie es „pirate style“ machen sollen. Die junge Frau lächelt zumindest ein bißchen, bevor sie sich wegdreht und den Europäern nur noch ihre reizvolle Rückseite zuwendet, deren Anblick diese unverblümt genießen. Die Frage ist, wieviele Mädchen dies als Bedrohung oder Belästigung empfinden und wieviele sich tatsächlich nach einem derartigen Piraten sehnen, der sie aus ihrem (vielleicht langweiligen) Leben heraus reißt und ins Abenteuer reinholt.
Insgesamt nimmt der Film eher die Seite der Aktivisten ein, auch wenn es zu Konflikten kommt, wie auf dem Berliner Slutwalk. Dieser wurde übrigens in der Übersetzung fälschlicherweise als eine Demo für „mildere Strafen für Vergewaltiger, wenn die Einvernehmlichkeit nicht eindeutig geklärt ist“ beschrieben, obwohl der Slutwalk hauptsächlich dazu dient, zu klären, dass es keine Missverständnisse geben kann, wenn – unabhängig von Kleidung etc. – das „Nein“ zum Sex respektiert wird, also für die Definitionsmacht, dass in Grauzonen ein potentielles Opfer sagen darf, ob ein Verhalten übergriffig war, klar auf Seite der Frauen ist.
Solche und ähnliche handwerkliche Ungereimtheiten kommen im Film immer wieder vor, zum Beispiel erweckt die Musik in einer relativ frühen Szene, in der ein Mädchen ihren 18. Geburtstag in der Fuck for Forest-WG feiert und dort erotisch massiert wird, den Eindruck einer bedrohlichen Düsterheit anstelle von gemütlichem, gemeinschaftlichem und (erotisch) anregendem Chill-Out. Es wird nicht ganz klar, ob dies beabsichtigt war, um anstelle der Wellness-Gemütlichkeit eher den damit einhergehenden Konflikt mit dem auch anwesenden Freund des Mädchens darzustellen, der irgendwann den Raum verlässt und seine Geburtstags-Freundin und die anderen in Irritation und Traurigkeit zurück lässt. Am Ende liegt das Geburtstagsmädchen allein unter der Decke und Natty sucht das tröstende Gespräch mit ihr.
So oder so, diese Szene zeigt bereits relativ zu Beginn des Films den sich durchziehenden und zuspitzenden Konflikt und Bruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Der Anspruch ist, eine gute und offene Erotik und ein gesundes Verhältnis zum Planeten zu leben, nachhaltig zu leben und profitfrei zu wirtschaften; dem steht die Wirklichkeit gegenüber, dass bereits im kleinen Kreis das junge Paar, das bei den Aktivisten zu Gast ist, durch die Interaktion überfordert ist. Denn Kommunikation baut auf festen Annahmen von dem menschlichen Gegenüber und der Welt, in der sich beide bewegen, auf und erzeugt damit immer und überall Missverständnisse. Dies gilt erst recht bei so wenig verregelten, weil außerhalb fester Konventionen sich bewegenden Lebenswelten und Projekten wie „Fuck for Forest“.
Dieser Konflikt kulminiert schließlich am Ende des Filmes auf der Versammlung der brasilianischen Urwaldbewohner einer Region, in der 800 Hektar Regenwald durch Aufkauf von der Abholzung gerettet werden sollen. Die Interessen von Fuck for Forest sind klar: Mit ihrem Geld den Wald kaufen und erhalten, den Eingeborenen dabei ein möglichst ursprüngliches Leben weiter zu ermöglichen; allerdings sprechen die Eingeborenen von moralischer Degeneration, als die Aktivisten ihnen ihre Geldquelle und die Begründung dafür darlegen, und die eigentlich klaren altruistischen Interessen werden ihnen nicht abgenommen. Es scheitert an der mangelnden Vertrautheit mit der ungewöhnlichen Situation, weiße Europäer ohne wirtschaftlichen Hintergedanken bei sich zu haben. Zumal die Beschreibung ihres Regenwald-Projektes, über die Sexualität hinausgehend, einfach fehlt – und damit ein wesentlicher Anker für Seriosität, die vielleicht eher Vertrauen schaffen könnte. Auf der anderen Seite sind die Interessen der T-Shirt und Basecap tragenden Eingeborenen keineswegs so klar wie die Aktivisten sich dies dachten: Zwar wollen manche von ihnen im Einklang mit dem Wald leben und ihn erhalten, viele andere jedoch wollen einfach „Arbeit“ und hören nach der abrupten Abkanzelung des Fuck for Forest-Auftritts mit deutlich größerer Aufmerksamkeit einem Referenten in ihrer eigenen Hautfarbe zu, der ihnen die Funktion der neuen, technisch verbesserten Stihl-Kettensäge erklärt – und damit auf bitter-ironische Weise deutlich macht, was mit „Arbeit“ gemeint ist.
An dieser Stelle wird selbst Tommy als verletztes Kind gezeigt, dass sich bei seiner Partnerin ankuschelt, um den Schmerz über die Ablehnung der Hilfe von ihm und seinen Freunden bei den Indigenen zu trösten. Die Szene steht, wie auch die Szene mit dem getrösteten Geburtstagsmädchen, symptomatisch für die Menschlichkeit und Liebe, die bei aller Rohheit und Radikalität immer im Hintergrund bei Fuck for Forest spürbar ist, und die in mir immer wieder starke Gefühle von Wärme, Sympathie und emotionaler Verbundenheit auslösen. Daher wünsche ich ihnen, dass sie den Mut nicht verlieren und vielleicht irgendwann eine sinnvolle Möglichkeit finden, Hilfe zu geben oder ihre Anliegen noch besser zu vermitteln.
Ihr seid nicht allein!