Felder des Liebens

Wie können wir die Ambivalenz der Zivilisation zwischen einerseits Befreiung – von Notwendigkeiten der Natur – und andererseits Zerstörung – von Notwendigkeiten von Notwendigkeiten der Natur1 – zugunsten der Befreiung entscheiden?

Wie können wir die Eigenschaften der Zivilisation „das Grobe sanft, das Grausame gütig, das Ungehobelte gesittet“ zu machen (Baumann 1998, 38) noch viel weiter fördern und jene Eigenschaft, die Natur im Individuum zu unterdrücken, im Kollektiven auszubeuten und im Restlichen zu verwüsten2, schnellstmöglich abschaffen?
Wenn wir mit Baumann, Elias, Foucault etc. etc. davon ausgehen, dass Angst, Sicherheits- und Kontrollbedürfnis die tiefenpsychologischen Grundlagen des Zivilisationsprozesses bilden und mit Fromm davon ausgehen, dass Liebe tatsächlich einen Gegenspieler zur Angst, Sein tatsächlich einen Gegenspieler zum angstbedingten und zivilisationsbedingten Haben bildet, müssen wir den Feldern des Habens und der Angst Felder des Seins und des Liebens entgegensetzen. Implizit bestehen diese Felder seit Anbeginn der Zivilisation in Kunst, Spiritualität, Spiel; allerdings allesamt in dem Raum der Ideen, der Metaphysik, der Phantasie und zeitlich begrenzt, sprich: nicht in der Sphäre des Ökonomischen, Materiellen, Existenziellen. Dies muss in dem Maße geändert werden, wie die Zivilisation mit der Zerstörung der Natur genau jene Unsicherheit wiedererweckt, gegen die sie entstanden ist. Die Angst erzeugt das Haben zerstört das Sein erzeugt die Angst.
Aber: Die Fortschritte der Zivilisation bringen auch die sanften, gütigen, „gesitteten“ Seiten hervor – als Nebenprodukt zur Bewältigung, zur Reflexion des Habens. Diese Seite beeinflusst die andere, wachsend mit der zunehmenden Ausdifferenzierung einer Zivilisation und damit evolutionär-automatisch mit zunehmender Zeit wachsend – es sei denn ein Krieg unterbricht diesen Prozess und lässt ihn von vorn beginnen. Mit dem wachsenden Einfluss des Nebenprodukts „Sein“ auf das Zielprodukt „Haben“ werden die Ängste selbst metaphysischer, verlagern sich von der Angst vor der Natur auf die Angst vor der Zivilisation, von der wilden äußeren Umwelt in die wilde innere Seelenwelt. Da die Ängste offensichtlich immer weniger existenzielle Ursachen außerhalb ihrer selbst haben und die Angst selbst immer mehr zur Ursache von Unsicherheit beim Individuum, von Ausbeutung der Umwelt und jetzt auch noch von Zerstörung der Umwelt wird, kann eine Überwindung der kommenden existenziellen Bedrohung nur durch eine Überwindung der Angst erfolgen.
Es gibt bereits Heterotopien, in denen nicht mehr Angst, sondern Liebe die Dimensionen Zeit und Raum beeinflusst: Rainbow-Gatherings, Goa-Partys, manche Aspekte von Kommunen oder einfach Ausdrücke von Lebenskunst. Es sind Orte, an denen die Interaktion zwischen Menschen und zwischen Mensch & Umwelt nicht die größtmögliche Sicherheit vor Angst anstreben, sondern die größtmögliche Liebe anstreben, wodurch der primäre Unterschied zur restlichen Zivilisation entsteht, dass alle Interaktionen das größtmögliche Vertrauen der Interaktionspartner nicht zum Mittel, sondern zum Zweck haben. Es geht zum Beispiel darum, alles Wissen von Anderen (Mensch wie nicht Mensch) primär zur größtmöglichen Entfaltung dieses jeweiligen Anderen zu verwenden wie zu verknüpfen und naturbedingte Konflikte um Ressourcen in größtmöglicher Kommunikation zu lösen und im Idealfall aus diesem Kommunikationsprozess heraus die Interessen gemeinsam so zu präzisieren, dass am Ende keine konfligierenden Interessen mehr vorliegen.
Beispiel: Zwei Männer lieben die selbe Frau (oder andersrum) und freunden sich untereinander so an, kommunizieren so tief und ehrlich, dass sie selbst bemerken, wer wen mehr liebt und dementsprechend das auf einen Menschen projizierte Verlangen nach Liebe verändern oder vertiefen und die eigene Liebe eines Menschen sich transformiert von der erotischen Liebe an sie zu tiefer freundschaftlicher Liebe an beide und deren gemeinsames Glück.
Zwischen Fressfeinden ist diese Interaktion zwar schwieriger, aber kann selbstverständlich ebenfalls auf kommunikativere, liebevollere Weise als bisher erfolgen. Allerdings brauchen solche Verhaltensweisen auch die Möglichkeit, sich zunächst als Parallel-Gesellschaft auszubreiten und die Disposition offen zu halten, die gesamte Zivilisation zu „schlucken“ – denn die Prozesshaftigkeit gibt der Zivilisation selbst auch immer einen schluckenden bzw. integrierenden Charakter, weshalb allein schon zum blanken Überleben dieser Parallel-Gesellschaft diese eine Schluck-Disposition in ihrem Charakter benötigt. Da diese Schluck-Disposition allerdings nicht in dem drohenden Charakter des Raubtiers „Zivilisation“ erfolgen kann, hat sie den ansteckenden Charakter eines Parasiten. Die Parallelwelt muss durch Schönheit und Inspiration anstecken, da sie nicht mit Reichtum und Macht vereinnahmen kann, appelliert somit an die Hingabe anstatt an die Aktion (Interpassivität??)

Gesellschaft der Lebenskunst braucht die Absicherung der Zivilisation, die sich aber endlich auf das Individuum überträgt, das in Freiheit statt Angst leben kann und dafür auch das bedingungslose Grundeinkommen braucht – von dem ich mich ohnehin frage, aufgrund welcher Machtdispositive es denn nach so langen Diskussionen jetzt nicht langsam mal praktisch umgesetzt wird?

  1. [Nochmal klären, was mit „von Notwendigkeiten von Notwendigkeiten der Natur“ gemeint ist] [zurück]
  2. Das Restliche = Abfall, alte (Berg-)Baugruben, Atommüll, Abgase, Abwässer, Bauruinen, … auch nicht verwertbare Seelenteile gehören zum „Restlichen“ und Vernachlässigung lässt diese verwüsten [zurück]

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