Valentinstag 2012

Aus dem Bus gestiegen und tatsächlich den beiden Jurastudenten mit den fetten Jacken ausgewichen – und gefühlt entkommen.
Einer mit fast 2 Metern und einer in meiner Größe setzten sich in meinen Vierer, wo ich Musik hörte und einen Flyer über Solidarische Landwirtschaft las und ein Platz von meiner Kraxe belegt war. Sie waren straff und zügig und wummten in den leeren Platz, als wäre er schon immer ihrer gewesen. Steckten ihren Studiausweis in die Levis-Jacke und unterhielten sich über irgendwelche Anklageerhebungen. Mit ihren gelackten Mündern in gelackten Gesichtern unter gelackten Haaren.

Ich hatte zum Glück die laute Musik, um meine Kraft weiter zu spüren, aber ich fühlte schon, wie meine Bewegungen, die wenigen, die ich machen musste, steifer und verkrampfter wurden. Und auch meine Mimik genauso hart wurde wie die ihrige. Bloß keine Schwäche zeigen, bloß nicht zum Opfer werden, durch zum Beispiel lasches Dasitzen ihrem Bild des Schlawiners entsprechen, das sie meiner Kleidung entnehmen. Will ihnen zeigen: Egal, was ihr äußerlich seht, vergesst es, euren Gehabekampf gegen mich zu gewinnen, denn ich bin auf ner anderen Ebene viel stärker und diese Ebene wird irgendwann mal wichtiger sein als eure.

Es gibt dann aber zugleich auch so einen Moment, wo ich das Gefühl habe, alles ist falsch. Und wenn mir jemand in diesem Moment seine Liebe ausdrückt, ich kann es dann einfach nicht glauben. Und dann verstehe ich auch, warum ein Kampf dagegen keinen Sinn mehr macht, dass das Kommunegefühl, was für mich Kommunegefühl ist, immer weiter zurück in die Vergangenheit rückt oder mit zunehmendem Alter sich zunehmend Optionen schließen. Und die eigene Unzulänglichkeit, gegen diese fettjackigen Jurastudenten was auszurichten, niemals enden wird.

Wenigstens in ne Kiwi beißen oder löffeln, das tröstet noch ein klein wenig, mhhh..

Nachtrag: Unzulänglichkeit heißt vor allem, sich nicht gegen die Verurteilung durch andere wehren zu können, wenn diese den Willen zum Verurteilen haben. (Oder ist es Be-Urteilen? Wo ist der Unterschied?) Oder verurteilen mich diese anderen gar nicht wirklich und ich bilde mir das ein, weil ich selbst diese anderen und mich verurteile? (oder be-urteile?) Gegen letzteres spricht immerhin, dass man die Tatsächlichkeit von deren Verurteilen in Betriebszeugnissen, Arbeits-Beurteilungen oder bei Bewerbungen um Jobs, Stipendien, Fördermittel ganz klar spüren kann, überall wo es um Partizipation am Mehrwert oder allgemeiner gesagt um „Access to Possibilities“ geht.
Ich würde vermutlich genauso handeln, wenn ich Kapital hätte, aber aus den genannten Gründen verfüge ich über keins. Und ich würde auch eher diejenigen partizipieren lassen, die sich durch hohe Kreativität und Reflexivität und, entscheidend, den Willen zur Veränderung und nicht zur Erhaltung des Bestehenden auszeichnen – vor allem zur Veränderung des Systems der Verurteilungen, welches weit in die Prozesse und tief in die Körper reicht: Die Art, sich zu schniegeln und zu striegeln ist eine Verurteilung der inneren wilden Natur; die Art, übereinander statt miteinander zu reden; die in der psychiatrischen Beurteilung essentielle Fremdbeurteilung; natürlich die Verurteilung durch Justiz und Staat ganz allgemein, schon durch die Polizei bei der Wahl ihrer „Personenkontroll“-Opfer; bei der aus zivilisatorischer Schwarmintelligenz „gefällten“ Entscheidung, wer „in“ und „out“, wer drinnen und wer draußen ist…
zum Beispiel ist niemand drinnen, der über unkonventionelle Motorik oder so verfügt.. und die Art, in welchen Situationen man aufmerksam sein kann und wann nicht – nun, das treibt mich auch an meine Grenzen – ich kann es nur, wenn es etwas neues zu erkennen gibt, aber es fällt mir zunehmend schwerer, sobald zwischen Erkennen und Handeln organisatorische Zwischenschritte eingefügt werden…

Wenn Al Gore es als die „globale Mission unserer Generation“ (siehe u.a. Weber, Cynthia
2010, S. 190) betrachtet, dass wir den Klimawandel aufhalten und dies als die einmalige
Chance einer Generation beschreibt, endlich alle gemeinsam an einem gemeinsamen Projekt und
lebenswichtigen Ziel zu arbeiten, warum wird dann nicht in logischer Konsequenz von allen
gemeinsam begriffen, dass es dann auch unsere aller gemeinsame Aufgabe sein muss, nicht mehr
zu arbeiten oder zumindest nicht mehr, als für die unmittelbare Umsetzung unserer
Begehrnisse und damit verwobener Erkenntnisbegehrnisse notwendig sind – und die ganzen
Organe und Organisiertheiten, die als Zwischenschritte den Hauptteil zwischen den eigentlich
nur nötigen Einleitungen und Schlüssen bilden und die im Wesentlichen Müll zur Produktion
von Müll sind, auch aus Gründen der Müllvermeidung wirklich zu vermeiden. Keine
„Verschlankung“ im Sinne des Rausschmisses von Menschen aus dem Produktionsprozess, sondern
eine Entschlackung im Sinne des Rausschmisses von Arbeit aus dem Produktionsprozess. –
siehe: unter vielem anderem: Dante, Darwin: Die 5-Stunden-Woche

Es geht weiter, auch im Sommer 2013:

Zwei Prolls mit halbverfaultem Gesicht und halbvoller Bierflasche mittags um drei vor dem Reudnitzer Kaufland, so dass ich es hören kann: „Eh, ich dachte erst, das wär ne Frau.“
„Du hast ja nen viel zu kleinen Pulli an…“
„Buuahhh!“ Einer springt schreiend auf die Taube einen Meter neben mir zu.
„Eh, hast du Elefanteneier?“ wegen meiner Pluderhose.
„Schäm dich.“
Sie laufen weiter.
Und werden dies hier wohl niemals lesen.
Ist das ein faschistischer Übergriff, der in die Antifa-Doku gehört?
Nun, ich kann mir Hose und die Haare selbst aussuchen, die Hautfarbe nicht. Würde ich wegen meiner Hautfarbe angemacht werden, könnte ich mir nur noch den Ort aussuchen, wo dies nicht so oft geschieht. Aber es geschieht fast überall, nicht nur in Leipzig, nicht nur im Osten.
Aber erstaunlicherweise ist es mir außerhalb Deutschlands bisher kaum geschehen, obwohl ich in Spanien oder Ungarn genauso aussehe.


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