Fuck for Forest! Eine Doku zur Doku, aktuell in den Kinos

In dem Film „Fuck for Forest“, einer im Jahr 2012 von polnischen und deutschen Filmemachern unter der Regie von Michal Marczak gedrehten Dokumentation über das gleichnamige Öko-Porno-Projekt, werden deren Protagonisten für einige Zeit bei ihren Aktivitäten in Berlin und im Amazonas-Regenwald begleitet, ihre Lebensphilosophie und ihre Lebenskonflikte dargestellt.
Es ist so traurig wie die Wirklichkeit: Da sammeln junge Menschen Geld, um den Regenwald zu retten und scheitern damit an der Ignoranz und Arroganz der westlichen Gesellschaft und der indigenen tropischen Gesellschaft gleichermaßen.
Wie kann das denn nur passieren? Wohl, weil sie ihr Geld auf eine Art und Weise herangeschafft haben, die sich in quasi allen Kulturkreisen an den Grenzen von Anstand und Moral bewegt: Nacktbilder, Sexfilme und Pornos. Und selbstverständlich können sie auch nur Geld mit diesen Bildern und Filmen verdienen, weil Nacktheit nicht normal, Sexualität nicht öffentlich praktiziert wird und nicht jeder Mensch ein erfülltes Sexualleben hat – oder weil manche Menschen einfach so einen Heißhunger auf Pornos haben.
Für Tommy, Leona, Natty und Danny ist es vor allem die Darstellung eines, ja DES natürlichen Vorgangs schlechthin, und eine neue und für sie uralte Verbindung zu diesem zentralen Teil des Lebens, was sie zelebrieren. Zumindest drücken sie sich in dem Film so aus, als würde es ihr Ziel sein, Nacktheit und Sexualität wieder zu einem Teil des normalen Lebens zu machen. Und sie machen in ihren Filmen vor, wie dies geht: Nackt Bäume umarmen; Liebe machen in der Natur; gelegentlich mit natürlichen Drogen wie Haschisch, Pilzen oder brasilianischem Ayahuasca experimentieren; und auch mal eine Hand voll Blut und Sperma ablecken.
Ein Bild von Natur, das davon ausgeht, dass es etwas gibt, was jenseits des falschen Lebens gegen die Natur existiert: Ein unmittelbares, triebgesteuertes Leben, nackt und im Einklang mit Tieren und Pflanzen; selbst wieder Tier werden gemeinsam mit den Tieren und für die Tiere, mit den Pflanzen und für die Pflanzen. Ein Gedanke, der durchaus die Bemühung einer ernsthaften Auseinandersetzung verdient, und der Film schafft es tatsächlich, zu vermitteln, dass es sich bei den Porno-Aktivisten um echte Idealisten handelt. Auch wenn Idealist in diesem Fall nicht heißt, im Auftrag einer höheren Moral unterwegs zu sein, sondern vielmehr im Auftrag einer triebhaften Natur, die weder hoch noch niedrig kennt, sondern einfach existiert. Somit ist es keineswegs widersprüchlich zur Hippie-Attitüde, neben dem Kuschel- durchaus auch Hardcore-Sex im Programm zu haben, oder wie Protagonist Tommy, tatsächlich ein reisendes indisches Mädchen aus Mumbai in Oslo zu „kidnappen“, die dann bei Fuck for Forest mitmacht und von ihrer Familie entehrt wird.
Auf die genauen Umstände dieses Falls geht der Film nicht näher ein und erlaubt damit auch kein abschließendes Urteil darüber, wie freiwillig Kaajal bei Fuck for Forest dabei ist. Damit rieselt weiterhin das Wasser über die Mühlen der Kritik an Pornographie, die als zentrales Argument hervorbringt, dass die meisten Frauen nicht wirklich freiwillig an den Drehs teilnehmen. Die Tatsache, dass Kaajal nicht wegläuft und zur Polizei geht, trotz offensichtlicher Möglichkeiten, und dass sie ganz selbstverständlich mit den anderen Aktivisten zusammen lebt, mit ihnen isst, Sex hat, und nach Brasilien reist, deutet eher auf eine gute gemeinsame Zeit hin. Allerdings bleibt offen, inwieweit sie als entehrte Inderin in Europa eine andere Option gehabt hätte als diese. Es ist ein großes Manko des Films, Kaajal nie direkt zu ihrer Rolle im Projekt zu Wort kommen zu lassen.
Als weibliche Aktivistinnen, die mit Leib und Seele hinter Fuck for Forest stehen, stechen dafür Leona und Natty heraus, die als Mitglieder des Kernteams zeigen, wie ein weiblicher Zugang zur Pornographie aussehen kann und durchaus emanzipiert wirken. Und die reine Heteronormativität wird auch dadurch aufgehoben, dass Danny im Film Sex mit einem Mann hat.
Wieweit das manchmal machohafte oder piratenhafte Verhalten von Männern wie Tommy bewertet werden soll, ist schließlich eine Frage von Sympathie und Wohlwollen. Vor allem die Straßenszene in der brasilianischen Kleinstadt könnte die Zuschauer_innen in zwei Lager spalten. Darin ruft Tommy, auf einem offenen Jeep in einer Gruppe von mit Gewändern, Dreadlocks, Arm- und Halsketten behangenen Hippies unterwegs, einer hübschen jugendlichen Frau, die gerade offenbar von der Schule zu ihrem Motorroller geht, zu: „Do you want me to kidnap you?“ und fragt seine Mitstreiter, ob sie es „pirate style“ machen sollen. Die junge Frau lächelt zumindest ein bißchen, bevor sie sich wegdreht und den Europäern nur noch ihre reizvolle Rückseite zuwendet, deren Anblick diese unverblümt genießen. Die Frage ist, wieviele Mädchen dies als Bedrohung oder Belästigung empfinden und wieviele sich tatsächlich nach einem derartigen Piraten sehnen, der sie aus ihrem (vielleicht langweiligen) Leben heraus reißt und ins Abenteuer reinholt.
Insgesamt nimmt der Film eher die Seite der Aktivisten ein, auch wenn es zu Konflikten kommt, wie auf dem Berliner Slutwalk. Dieser wurde übrigens in der Übersetzung fälschlicherweise als eine Demo für „mildere Strafen für Vergewaltiger, wenn die Einvernehmlichkeit nicht eindeutig geklärt ist“ beschrieben, obwohl der Slutwalk hauptsächlich dazu dient, zu klären, dass es keine Missverständnisse geben kann, wenn – unabhängig von Kleidung etc. – das „Nein“ zum Sex respektiert wird, also für die Definitionsmacht, dass in Grauzonen ein potentielles Opfer sagen darf, ob ein Verhalten übergriffig war, klar auf Seite der Frauen ist.
Solche und ähnliche handwerkliche Ungereimtheiten kommen im Film immer wieder vor, zum Beispiel erweckt die Musik in einer relativ frühen Szene, in der ein Mädchen ihren 18. Geburtstag in der Fuck for Forest-WG feiert und dort erotisch massiert wird, den Eindruck einer bedrohlichen Düsterheit anstelle von gemütlichem, gemeinschaftlichem und (erotisch) anregendem Chill-Out. Es wird nicht ganz klar, ob dies beabsichtigt war, um anstelle der Wellness-Gemütlichkeit eher den damit einhergehenden Konflikt mit dem auch anwesenden Freund des Mädchens darzustellen, der irgendwann den Raum verlässt und seine Geburtstags-Freundin und die anderen in Irritation und Traurigkeit zurück lässt. Am Ende liegt das Geburtstagsmädchen allein unter der Decke und Natty sucht das tröstende Gespräch mit ihr.
So oder so, diese Szene zeigt bereits relativ zu Beginn des Films den sich durchziehenden und zuspitzenden Konflikt und Bruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Der Anspruch ist, eine gute und offene Erotik und ein gesundes Verhältnis zum Planeten zu leben, nachhaltig zu leben und profitfrei zu wirtschaften; dem steht die Wirklichkeit gegenüber, dass bereits im kleinen Kreis das junge Paar, das bei den Aktivisten zu Gast ist, durch die Interaktion überfordert ist. Denn Kommunikation baut auf festen Annahmen von dem menschlichen Gegenüber und der Welt, in der sich beide bewegen, auf und erzeugt damit immer und überall Missverständnisse. Dies gilt erst recht bei so wenig verregelten, weil außerhalb fester Konventionen sich bewegenden Lebenswelten und Projekten wie „Fuck for Forest“.
Dieser Konflikt kulminiert schließlich am Ende des Filmes auf der Versammlung der brasilianischen Urwaldbewohner einer Region, in der 800 Hektar Regenwald durch Aufkauf von der Abholzung gerettet werden sollen. Die Interessen von Fuck for Forest sind klar: Mit ihrem Geld den Wald kaufen und erhalten, den Eingeborenen dabei ein möglichst ursprüngliches Leben weiter zu ermöglichen; allerdings sprechen die Eingeborenen von moralischer Degeneration, als die Aktivisten ihnen ihre Geldquelle und die Begründung dafür darlegen, und die eigentlich klaren altruistischen Interessen werden ihnen nicht abgenommen. Es scheitert an der mangelnden Vertrautheit mit der ungewöhnlichen Situation, weiße Europäer ohne wirtschaftlichen Hintergedanken bei sich zu haben. Zumal die Beschreibung ihres Regenwald-Projektes, über die Sexualität hinausgehend, einfach fehlt – und damit ein wesentlicher Anker für Seriosität, die vielleicht eher Vertrauen schaffen könnte. Auf der anderen Seite sind die Interessen der T-Shirt und Basecap tragenden Eingeborenen keineswegs so klar wie die Aktivisten sich dies dachten: Zwar wollen manche von ihnen im Einklang mit dem Wald leben und ihn erhalten, viele andere jedoch wollen einfach „Arbeit“ und hören nach der abrupten Abkanzelung des Fuck for Forest-Auftritts mit deutlich größerer Aufmerksamkeit einem Referenten in ihrer eigenen Hautfarbe zu, der ihnen die Funktion der neuen, technisch verbesserten Stihl-Kettensäge erklärt – und damit auf bitter-ironische Weise deutlich macht, was mit „Arbeit“ gemeint ist.
An dieser Stelle wird selbst Tommy als verletztes Kind gezeigt, dass sich bei seiner Partnerin ankuschelt, um den Schmerz über die Ablehnung der Hilfe von ihm und seinen Freunden bei den Indigenen zu trösten. Die Szene steht, wie auch die Szene mit dem getrösteten Geburtstagsmädchen, symptomatisch für die Menschlichkeit und Liebe, die bei aller Rohheit und Radikalität immer im Hintergrund bei Fuck for Forest spürbar ist, und die in mir immer wieder starke Gefühle von Wärme, Sympathie und emotionaler Verbundenheit auslösen. Daher wünsche ich ihnen, dass sie den Mut nicht verlieren und vielleicht irgendwann eine sinnvolle Möglichkeit finden, Hilfe zu geben oder ihre Anliegen noch besser zu vermitteln.
Ihr seid nicht allein!


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