Badious Wagner

Gestern gab es in Leipzig im Rahmen einer Vortragsreihe zu 200 Jahren Wagner einen Vortrag des berühmten französischen Philosophen und Neomarxisten Alain Badiou.
Badiou wurde 1937 in Rabat / Marokko geboren und wuchs in Toulouse auf, wo dessen Vater teilweise als Bürgermeister arbeitete. Bereits in jungen Jahren befasste sich Badiou mit Richard Wagner und dessen Opern, 2010 veröffentlichte er das französische Original seines 160-Seiten-Bandes „Fünf Lektionen zum ‚Fall‘ Wagner“, und heute behauptet er von sich, dass er zusammen mit dem slovenischen Philosophen Slavoj Žižek einer der beiden entscheidenden philosophischen Wagner-Interpreten der Gegenwart ist.
In seinem gestrigen Vortrag mit dem Titel „Wagner and the Dialectics of Contemporary Opera“ besprach Badiou, von seinem Auftreten her ein sympathisch selbstironischer Philosophie-Altmeister (in, wie er meinte, so schlechtem Englisch, dass es hoffentlich wie deutsch klinge) die für ihn zentralen Leitmotive der Figuren aus Wagners Opern, nämlich das Motiv des Leidens und das der Zeit, anhand verschiedener Beispiele wie Tannhäuser, Parsifal und Hagen aus den Nibelungen. Badiou zeigt Wagners Figuren als zerrissene Charaktere, die ihren inneren Bruch jedoch nicht in einer neuen Hegel’schen Synthese wieder vereinigen oder heilen können. Am besten illustriert er diese allgemeine Unheilbarkeit des Gebrochenen anhand des Tannhäusers, der unter einem Bruch zwischen der christlichen Religion einerseits und der Naturreligion des Venusberges andererseits leidet. Dieser Fortbestand des Bruchs kommt laut Badiou auch in Wagners Zeitverständnis zum Ausdruck, erstens der Zeit der (leidenden) Subjektivität, zweitens der Zeit der Transition und drittens der Zeit des tragischen Paradoxes. Am Ende schließt Badiou mit der, jawohl, Synthese, dass die Musik von Wagner und die Figuren in seinen Opern nicht nur für die Vergangenheit, sondern auch für Gegenwart und Zukunft von Bedeutung sind, und zwar aus den folgenden Gründen: Da Wagner die Multiplizität der Möglichkeiten aufzeigt, ohne die Realisierung gleich einzufordern; da Wagner die Kunst des Zögerns hochhält, des Sich-Nicht-Entscheidens; da er die Nicht-Dialektik musikalischer Ergebnisse darstellt und immer auf neue Werke verweist; und da er Transformationsprozesse ohne Finalität beschreibt.
Es ist kein Fehler meiner zusammenfassenden Beschreibung, wenn sich einige Thesen und Schlussfolgerungen wiederholen, sondern tatsächlich Teil von Badious Vortrag selbst, der auf eine gewisse Art die Kunst, aus einem Punkt fünf zu machen, zur Blüte bringen konnte. Dies kann Badiou als Person sicherlich höchstens zur Hälfte angelastet werden, besteht doch ein Großteil der intellektuellen und akademischen Äußerungen von Vorträgen über Diskussionsbeiträge bis hin zu Essays und Monographien im wortreichen Aufblähen von Samen zu echten oder vermeintlichen Blüten. Ob eine Blüte echt, also ertragreich ist, liegt sicherlich auch an ihrem Gegenstand und an der Frage, ob aus diesem Gegenstand und seiner Aufbereitung ein Nutzen für das praktische Leben gezogen werden kann. Im Fall von Wagner könnte dieser praktische Nutzung in einer Neubewertung des Zusammenhangs von Musik und Kunst zu Faschismus liegen.
So wie Badiou gleich zu Beginn des Vortrags die Augen zu Schlitzen zusammenkniff, als würde er ein Ziel in ganz weiter Ferne fokussieren, liegt die Vermutung nahe, dass sein Ziel sicherlich weiter gesteckt ist als bis zur simplen Konklusion, dass Wagner die Multiplizität von Möglichkeiten und die Ergebnislosigkeit von Veränderungen zur Kunstform erhebt. Worin dieses weitere Ziel besteht, kommt in Badious Vortrag möglicherweise aufgrund der Unzulänglichkeiten der englischen „lingua franca“ nur aus Interpretationen von Blicken und Untertönen seiner Stimme zum Ausdruck; und vielleicht noch durch den kurzen Schlenker während seiner abschließenden Zusammenfassung, in welchem er darlegte, dass Wagner mit seiner Darstellung der unauflöslichen Ambiguitäten eine Absage an alle Formen von Dogmatismus oder ideologischer Totalität darstellte und den Weg des Herzens als einzige Möglichkeit, Entscheidungskraft zu bekommen, offen lässt. Ist nach Badiou also Wagner ein Botschafter des Herzens, gar ein verkappter Hippie? Woher rührt dann dessen gleichzeitige Richtungsoffenheit ins Martialische und die Faschistische?
Es ist dafür sicher fruchtbar, mit Alain Badiou den Boden der rein deutschen Wagner-Interpretation zu verlassen und sich zu fragen, was neben Badiou viele Menschen in Ländern wie Frankreich und England an so typisch deutscher Kunst und Musik fasziniert, wie sie im Klassischen bei Wagner und im Zeitgenössisch-Populären bei Rammstein zu finden ist, der im Ausland mit Abstand erfolgreichsten deutschen Musikgruppe.1 Und warum geht diese Faszination ausgerechnet von jenen Ländern des zivilisierten Abendlandes aus, welche in den Weltkriegen die letztlich siegreichen Gegner des barbarischen Deutschlands waren?

Badiou befreit sich gleich zu Beginn seines Vortrags davon, sich mit Wagners Faschismus-Tendenzen zu befassen und er versucht darzulegen, dass eben nicht der Faschismus, sondern eine nicht-dogmatische, nicht-ideologische Form des Lebens, der Synthese von Dingen und Ereignissen und damit des politischen Entscheidens aus Wagners Kunst abgeleitet werden kann. Die gebrochenen Charaktere, die Badiou darstellt, sind eben genau nicht der Weg zum fest entschlossenen Faschismus, sondern der vielleicht einzige Weg, nicht in diesem mitzumarschieren. Der Faschismus ist die Versteifung eines Theoriekonzepts zu stahlharter Herrschaft, die Übertünchung aller Zweifel und inneren Widersprüche durch ein klares Konzept mit einer zeitlichen (Endsieg) und räumlichen (z.b. Osten) Richtung, mit klaren Befehlsketten und der Notwendigkeit der Entschlossenheit auf allen Ebenen in der Kette: Vom Soldaten, der ohne zu zweifeln oder ohne Alternativen in Erwägung zu ziehen, den Schießbefehl befolgt, bis zu den Generälen, die ihre Strategien ohne Rücksicht auf Verluste durchziehen (oder die Verluste von tausenden Menschenleben dem Ziel eines Feldzugs unterordnen, was im „totalen Krieg“ zur totalen Maxime emporwucherte).
Die Gebrochenheit, die Badiou in die Figuren Wagners hinein interpretiert, ist allerdings aus den wenigen Beispielen, die er mit Hilfe von Opernfilmen verdeutlichte, nicht eindeutig herauszulesen. Tannhäuser spricht bzw. singt von seinem Sterben im Hospiz, „in Schnee und Eis gebettet“ und von seiner Verdammung durch den Papst, da er beim Venusberge war und somit in der Hölle schmoren soll, da er so wenig Leben geben könne wie aus einem toten Stock Blätter grünen könnten. Nicht nur die unauflösliche Gebrochenheit ist charakterisierend für solche Opernauszüge, auch die Theatralik der großen Begriffe darin, wie „in Schnee und Eis gebettet“, Höllenfeuer oder tote Stöcke, ist markantes Merkmal von Wagners Stil. Badiou nennt dies die „monumentality of suffering“, die Monumentalität des Leidens, und und beschreibt Tannhäuser selbst als gebrochenes Monument.
Textstellen wie „… das Bett in Flammen sehen“, „… das Blut vom Degen lecken“, „… wirf in die Luft die nasse Kette / und wünsch mir, dass ich eine Mutter hätte“, „… sie ist der hellste stern von allen“ oder die Frage „Können Herzen rein sein? / Kann ein Herz zu Stein sein?“, stammen nicht aus Wagners Arien, sondern aus Liedern der Band Rammstein, die sich entweder bei Wagner plagiativ bedient oder einfach aus dem selben Geist heraus zeitgenössische rockmusik komponiert haben. Das klar gerolltes R, wie es in Tannhäusers Arie als exzentrisches Monument steht, als ja beinahe als Schlüssel zur Gesangsfrequenz und Inbrunst des Opernsängers, ist auch das Markenzeichen der im Ausland bekanntesten deutschen Rockband. In beiden Fällen zeigt sich die Faszination der deutschen Stimme im europäischen Ausland durch ihre Monumentalität begründet, durch die Tiefe, mit der sich Gegensätze sprachlich ausdrücken und im Gesang fühlbar machen lassen, was sich bis in die Gegensätzlichkeit der harten, abgehackten Konsonanten zieht. Darin lässt sich auch die Gründlichkeit spiegeln, mit der viele Deutsche sowohl im Maschinenbau und Ingenieurwesen, als auch im Krieg und in der industriellen Vernichtung von Menschen, als auch in der Erschaffung großer und lückenloser Theorieentwürfe à la Kant und Marx tätig sind.
Diese tief ritzenden, gründlichen Gegensätze musikalisch und künstlerisch auszutragen, wird von Interpreten wie Badiou oder anderen Menschen in Ländern wie England und Frankreich wohl klarer getrennt von einer Austragung des selben in Politik und Krieg. Die Herangehensweise ist fruchtbar und erfrischend undeutsch: Sie zeigt, dass zwischen Politik und Kunst noch klarer zu trennen ist, auch wenn dies keineswegs heißt, dass Kunst unpolitisch ist oder sein sollte. Vielmehr ist es ein gesunder Umgang mit der politischen Dimension von Kunst, bestimmte Mentalitäten, unauflösliche Ambivalenzen, monumentales Leiden oder auch, die besondere Tiefe deutscher Sprachgewalt, in einem Ambiente auszudrücken, das vom offenen Ende lebt und von der Weitergabe der letztgültigen Entscheidung und Bewertung an das Publikum, das Plenum, die Basis der Bevölkerung. Somit könnten die offenen Enden von Wagners Opern, laut Badiou Wagners bekannteste Schwachstelle, als ein Mittel angesehen werden, die letzte Entscheidung zwischen all den scharf schneidenden Möglichkeiten ganz demokratisch runter von der Bühne an die Bevölkerung vor der Bühne abzugeben.

  1. http://www.solinger-tageblatt.de/Home/Karl/Rammstein-Phaenomen-im-Ausland-8c898eef-0905-4c80-8de3-c7e6ffbfce8b-ds [zurück]

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