Postutopistisch – 2018

Die Heimat des Schreibenden

[Der folgende Text ist gleichzeitig entstanden mit den Verhandlungen über die künftige Einrichtung eines „Heimatministeriums“ in Deutschland – allerdings habe ich davon erst später mitbekommen und die Intentionen dürften andere sein; dennoch zeigt diese Synchronizität, dass das Thema Heimat „in der Luft zu liegen“ scheint.]

In den Kulturwissenschaften wird „Heimat“ unter anderem definiert als „Ort, an dem man sein kann, ohne etwas zu bezahlen“ (oder – im vorkapitalistischen bzw. bald nachkapitalistischen Zustand: ohne etwas zu leisten). Eine schöne Definition eines heutzutage problematischen weil missbrauchten Begriffes – für den eine Wiederaneignung im gerade genannten Sinne schön wäre.

Ein Ort, an dem fürs Dasein keine Gegenleistung erbracht werden muss. Nach Erich Fromm die mütterliche Liebe; aber ich stelle mir auch das Dorf vor, in das mensch nach seinen Lehr- und Wanderjahren zurück kehrt. Dieses Heimatkollektiv ist es auch, für das der Schreibende schreibt. Der Zeitungsreporter erzählt von den neusten Veranstaltungen und den neusten Regeln der Gemeinschaft – Gesetzen – sowie den jüngsten Verstößen gegen diese. Der Reiseschriftsteller erzählt von unbekannten Winkeln der Erde (was immer schwieriger wird). Und der Wissenschaftler (_die Wissenschaftlerin) schreibt über die neusten Entdeckungen auf den Reisen des – empirischen und rationalen – Verstandes.
Allen gemeinsam ist, dass sie eine „Community“ haben, die ihnen zuhört – beziehungsweise in den letzten hundert Jahren: die ihre Texte liest. Bei der Lokalzeitung die Stadt, beim „Spiegel“ das Land und beim Wissenschaftler die wissenschaftliche Community mit ihren Publikationen, ihren Konferenzen und ihren Lehrstühlen.
Durch das Schreiben erreicht mensch mehr Menschen als im Redekreis um ihn sitzen, als sein Sprechorgan an Reichweite besitzt; dadurch bilden sich Kollektive der Zuhörenden, die sich gegenseitig nicht sehen oder hören können; die Heimat, die den Reporter trägt und bezahlt oder ernährt, wird nicht mehr an eine feste Gruppe oder einen festen Ort gebunden, wird deterritorialisiert.
Jetzt, im frühen 21. Jahrhundert, ist die Deterritorialisierung so weit fortgeschritten, dass jeder Mensch in irgendeinem Sub-Kollektiv Erzählender ist – und anderswo Zuhörender. Die Frage bleibt jedoch offen, welche dieser Subkollektive die Erzählenden tragen können. Was gibt ein Erzählender mehr als andere, um dafür dann materielle Güter zu bekommen? Wie muss ein Geist aussehen, der so begeistert, dass Materielles dafür gerne hergegeben wird?
Offenbar anders als der meinige, zumindest als mein schreibender Geist. Denn für diesen habe ich bisher noch nicht einmal ein Fischbrötchen bekommen – das gab es nur als täglich Lohn für meinen zuarbeitenden Geist im Verlagspraktikum, also für den Teil meines Kopfes, der Rechtsschreibfehler korrigiert und den Teil meiner Hände, der Druckwerk in Versandtaschen steckt.
Ich ahne aber mehr und mehr, was es ist, was Leute ihre Fischbrötchen, ihre Kartoffeläcker, ihre Weinberggrundstücke und ihre Kontodaten oder Nobelpreisdotierungen freudig herschenken lässt, nur um eine Geschichte zu lesen wie die von Harry Potter oder vom „Unbehagen der Geschlechter“. Es ist dasselbe, was auch das Gold für die Olympiasieger bezahlt und trägt: Die Menschen wollen im Athleten sehen, zu was Ihresgleichen in der Lage sind, wollen in sich aufsaugen, was neben all dem Ausschuss, all den Mäkeln und Vergänglichkeiten ihre wahre Kraft ist. [Sie wollen den Schein von Unvergänglichkeit in einer vergänglichen Welt.]

[Jetzt kommt ein kleiner Exkurs in die Naturwissenschaften und für den nächsten Satz bräuchte es ein Preisausschreiben für eine Wortneuschöpfung: Wie „einst“ in der fernen Vergangenheit für eine sehr ferne Zukunft.] Die Kräfte der Entropie, des chemisch-physikalischen Maßes der Unordnung, sind unendlich bis zum einstkünftigen „Wärmetod“ des Universums. In chemischen Reaktionen gibt es eine Energiebilanz und eine Entropiebilanz. Eine Verbrennung setzt Energie frei, die Heizungen oder Motoren betreibt; die Photosynthese bindet Energie in Stoffe, namentlich Zuckerverbindungen, Grundlage nicht nur von Holz und Erdöl. Nur als zwei prominente Beispiele. Die Bilanz für die Energie vor und nach einer chemischen Reaktion ist also mal positiv und mal negativ. Dagegen ist – und jetzt kommts – die Bilanz für die Entropie in beinahe allen chemischen Reaktionen positiv im Sinne von „vergrößernd“, das heißt, die Entropie wächst in fast allen chemischen Reaktionen – insbesondere auf den Makroebenen der Astrophysik; das Universum dehnt sich also seit dem Urknall aus, ebenso die Moleküle, die Elementarteilchen – alle entfernen sich zunehmend voneinander, ähnlich wie beim Übergang von fest zu flüssig zu gasförmig, und irgendwann werden diese sich soweit voneinander entfernen, dass alle Materie schließlich komplett zersetzt wird. Weil Kälte das Verlangsamen jeder Molekülbewegung bis zum Punkt der absoluten Erstarrung zum Festkörper, dem absoluten Nullpunkt – minus 273 Grad Celsius – ist und Wärme das Beschleunigen jeder Mokelülbewegung, bis nichts mehr an Ort und Stelle bleibt, noch nicht einmal mehr Elementarteilchen, spricht man vom „Wärmetod“ des Universums. Soweit erstmal der kleine Exkurs in die Naturwissenschaften.
Eigentlich erzähle ich das nur, weil ich die allumfassende und unausweichliche Kraft der Entropie verdeutlichen will – und die meisten Leute spüren diese Kraft, auch ohne den Begriff zu kennen. Ja, jeder Mensch weiß, dass er sterben wird – dass seine Moleküle irgendwann nicht mehr in den Energiekomplex „Lebewesen“ eingebettet sein werden und sein chemischer Reaktionsapparat nicht ewig den kosmisch gesehen seltenen Zustand der Entropiereduktion aufrecht erhalten können wird. (Ja, das vielleicht noch zum Schluss dieses naturwissenschaftlichen Exkurses – nur ein Satz noch, denn dafür geht es um das „Wunder des Lebens“: Es gibt die umstrittene, aber meiner Meinung nach schöne Theorie, dass lebende Systeme sich von unbelebten Systemen dadurch unterscheiden, dass bei chemischen Reaktionen in lebenden Systemen die Entropiebilanz ausnahmsweise negativ ausfällt, also lebende Systeme innerhalb ihres Organismus für die Dauer ihrer Lebendigkeit Entropie verringern.)
Ja, wir Menschen wissen – noch so ein umstrittenes Paradox – als einzige Lebewesen – dass dieser Zustand nicht für immer ist, wir wissen es einfach, dass wir sterben werden. Aber wir denken nicht daran, wir spüren es höchstens dann, wenn wir einen Sportler bewundern, wenn wir einen Nobelpreis verleihen, eine ingenieurstechnische Meisterleistung bestaunen (oder geometrisch perfekte Musik) oder auch nur ein sauber und gerade geschnittenes Brett Holz. Es gibt so viele mögliche falsche Bewegungen und so viele mögliche Unebenheiten, im Holz, in der Aufbockung oder in der Säge, dass die eine richtige Bewegung in uns eine tiefverwurzelte Ehrfurcht freisetzt.
Wir wissen einfach, dass wir auf unzählige Weisen krank werden können, wir sehen es auch manchmal, wenn wir eine neue Warze oder ein neues graues Haar entdecken – das sind alles Vorboten der großen Nachricht, die wir alle kennen; wir wissen, dass jedes vorbeifahrende Auto und jedes offene Fenster eine Möglichkeit des Todes ist.
Dennoch oder gerade deswegen bezahlen wir insbesondere für die Geschichten, die uns für einen kurzen Moment, ja für einen Singularitätsmoment, glauben lassen, „wir“ wären stärker als diese Entropie – und vielleicht sind wir es zwar nicht in diesem Moment, aber für diesen Moment. Das wäre die Singularität – ihr wisst schon: Das, was vor dem Urknall kommt – die letzte Bastion der Metaphysik.
Diese Singularität und mit ihr einhergehende Gefühle von Unendlichkeit oder wenigstens Größe sind es, warum die Menschen im Heimatland einen Vortrag über die Südsee bezahlen, warum ein Student ein Erasmus-Stipendium erhält oder die Lokalzeitung ihr Geld, dafür dass sie die Größe der Stadt mittels der Fülle ihrer Ereignisse deutlich macht.

Soweit hoffe ich, dass diese Erzählung auf der Meta-Ebene jetzt nicht in all zu Vielen von euch den Wunsch erweckt, euer Geld, was ihr freundlicherweise gespendet habt, zurück zu nehmen und rauszugehen. Für diejenigen, die bleiben wollen, sei hiermit die Warnung ausgesprochen, dass von jetzt an der Glaube an die Singularität, an (Unendlichkeit,) Unsterblichkeit oder nur an das Überleben keine Nahrungsquelle mehr im weiteren Text finden wird, ja, das zarte Pflänzchen Hoffnung leider vom Meteoriten erschlagen wird.
[Will jemand gehen?]
Denn leider bauen die meisten menschlichen Zeugnisse der Erhabenheit, die meisten Werke vom Wolkenkratzer bis zur Doktorarbeit auf wirtschaftlichem Wachstum auf, heißt im Grunde auf der Erschließung oder Ausbeutung neuer Naturressourcen. Dass es erst solcher empirischer Wälzer wie der Berichte des „Club of Rome“ oder der IPCC-Klimaberichte (oder diesem Werk vom BUND hier [Zukunftsfähiges Deutschland hochhalten]) bedarf, um eine so banale Sache zu erkennen wie die Endlichkeit natürlicher Ressourcen, ist schon verblüffend. Manche sagen, man bräuchte den Blick auf die Erde von oben oder eine Art Globalisierung dafür, aber reicht es nicht auch schon, den Mikrokosmos zu beobachten – dass zum Beispiel Holz schneller verbrennen als wachsen kann – und daraus auf den Makrokosmos zu schließen?
Genau genommen gehen die Ressourcen nicht zur Neige, sondern ändern nur ihre Zustände hin zu für uns weniger nutzbaren Formen: Kohlendioxid, der Plastikstrudel im Pazifik oder der Dieselruß, ja allgemein Abgase, Abwässer und Abfälle – und hier kommt nun ein letztes Mal der Hinweis – sind nüchtern gesagt Energiezusammensetzungen mit einem höherem Grad an Entropie.
Es gibt in mir die forschende Lust, zu dieser These nun alle mir einfallenden Beispiele aufzulisten und ihre Grenzfälle abwägend zu diskutieren (Wie ist es zum Beispiel mit Edelmetallen?). Aber Wissenschaft ist ja leider etwas, was nur in der Universität einen wirklichen Raum erhält – nur dort bezahlt wird (oder bei interessensgeleiteten Unternehmen) und bei den meisten auch nur das Interesse erhält durch wirtschaftliche Zwangsmittel in Form von Noten, Abschlüssen, dann Geld, dann Futter. Schriftsteller haben dagegen, nicht nur in der Postmoderne, witzig zu sein, also ihren Wert in einem Unterhaltungswert auszudrücken, einem gewissermaßen Hoffnung zu machen, sei es in Form von fiktiven Geschichten, die ins Reich der Phantasie entführen, wo Singularitäten und Unsterblichkeit real sind und in die mensch sich zur Ablenkung von der – Wärmetodswahrheit – flüchten kann wie manche in ihre Seriensucht bei Netflix, sei es in Form des erwähnten unterhaltsamen Hofnarren oder auch in der Form des depressiven Hofnarren, des Höllbeck-ers, der auch schon seit jeher in der Geschichte der menschlichen Kollektive seinen Platz hatte. Und da zwischen Wissenschaft und Schriftstellerei bekanntlich akribisch unterschieden werden soll, will ich hier nicht mehr Wissenschaft reinbringen als absolut notwendig für das große menschliche Ziel der Abendunterhaltung.
Wobei ich damit nicht unterstellen möchte, dass der Grund Ihres und Eures Hierseins allein die Zerstreuung sei; das berührt nämlich noch ein (weiteres) offen geheimes Gesetz der Schriftstellerei: Eine gewisse Hybris, Anmaßung und Arroganz gehören dazu, doch eingehüllt in Habitus. Dies erklärt sich schon daraus, dass die Erzählenden meinen, etwas gesehen oder wahrgenommen zu haben, was die Zuhörenden mehr interessieren könnte als ihre eigentliche sonstige Tätigkeit – und es damit ihrer Aufmerksamkeit wert ist. Auf der Seite der Zuhörenden ist dabei zugleich auch auch eine gewisse Lust an dieser charmanten Form der Unterwerfung vorhanden, also man will diese Leute, die über einem oder vor einem stehen, sie geben qua ihrer Funktion das Gefühl, kurzzeitig von der Verantwortung für das eigene und das Überleben der Sippe entbunden zu sein. Ja, und die Hybris konkretisiert den Begriff der Anmaßung ja auch noch dahingehend, dass es – in der griechischen Tragödie – eine Anmaßung des Menschen gegen Gott ist; in den Tragödien der alten Griechen war es meist ein König, der sich für gottgleich hielt – und am Ende in der Regel einen hohen Preis für diese Anmaßung, für seine Hybris, bezahlen musste.
Definieren wir Gott einmal als den Teil der Welt, der von seiner Dimensionierung her für den Menschen weder gedanklich noch stofflich be-greifbar ist, so ist Gott sowohl die hinter allem kommende und alles zermalmende Kraft der – ihr wisst es – kosmischen Zersetzung als auch gleichzeitig das Paradox der Singularität, in der selbst die umfassendste Urkraft noch einmal ausgesetzt und umgekehrt wird.
Die Hoffnung, dass wir Menschen zumindest als Spezies überleben werden, die Verdrängung des Vergänglichen, ist die Wurzel all jener Wirtschaftsbereiche, die nicht unmittelbar für das nackte Überleben nötig sind – wir nennen sie Kultur. Die Kultur ist eine Hybris und wer sie überzeugend vermitteln kann, dem geben wir Geld, was letztlich nur Kredite sind, die in Erwartung von weiterem Wirtschaftswachstum durch die Notenbanken gedruckt beziehungsweise gutgeschrieben werden; und dieses Wirtschaftswachstum beruht auf der Umwandlung von natürlichen Ressourcen in für Menschen nutzbare Energie – mit einem zunehmenden Maß an nicht nutzbaren Restsstoffen. Ja, Marx sagt, dass Profit sich aus Kapital, Arbeit und Natur=Boden speist und ich müsste noch mehr Fokus auf die Verteilungsfrage legen. Allerdings beantwortet die Verteilungsfrage nur, welcher Mensch wieviele Einheiten an Naturressourcen und die Kalorien wievieler arbeitender Menschen in die Materialisierung seiner geistigen Vorstellungen umwandeln darf – nicht jedoch, wieviele Energieeinheiten insgesamt umgesetzt werden. Da insgesamt mehr Energie umgesetzt wird, also die Wirtschaft wächst, leben bekanntermaßen auch die ärmeren Menschen länger und besser als mancher Reiche der vergangenen Jahrhunderte.
Es ist schön, dass wir immer mehr Wohlstand haben und auch immer mehr Kultur, dass wir durch Teller, Besteck, Trinkspruch, Tischgebet und gedimmte Begleitmusik fürs Dinnergespräch aus der Nahrungsaufnahme ein Ritual machen, das ihre Notwendigkeit an die Grenze des Unaussprechlichen schiebt. Es gibt uns Möglichkeiten, gönnerhaft zu geben und uns gegenseitig zu bewundern – und die meisten von uns haben noch nicht genug Nöte erlebt, um zu wissen, ob diese gebende Solidarität auch dann im Not-Fall noch anhält. Im Krieg tut sie es per Definitionem nicht mehr – zumindest nicht für jene, die zum „Feind“ erklärt werden – aus wirtschaftlichen Interessen, was letztlich vorgezogene instinktive Überlebenskämpfe sind. Sind wir im letzten Akt des Überlebenskampfes alle eine Horde von egoistischen Berserkern? Immerhin spielte die Darstellung eines Gegenbeispiels, wie ein Mann die nur einen Menschen tragende Planke der untergegangenen Titanic seiner Geliebten überlässt, bald 2 Milliarden Einheiten hoher Währung in irgendeinen Kassenzusammenhang.
Ich wünsche mir natürlich den Fall der grenzenlosen Geschwisterlichkeit bis zum gleichzeitigen Tode aller und befürchte allerdings etwas Anderes.
Erwarte das Schlimmste, hoffe das Beste – soviel östliche Weisheit hatte ich immerhin schon beim Abi.
Ja, und jetzt sitze ich hier und erzähle Euch, dass alle Kultur nur auf dem anmaßenden Glauben an einen möglichen Sieg über unsere Vergänglichkeit aufbaut und ich als Schreibender – oder zum derzeitigen Augenblicke Vor-Lesender – in jedem Falle als Erzählender, auch ein Teil dieser Anmaßung bin – ein Teil, der sie sogar so bewusst begeht, dass er darüber erzählt und daher seine Funktion erhält.
Und doch tue ich das, was ich als „Öko“ tagtäglich tue: Ich warne vor dem nahenden Sieg eben dieser verdrängten Vergänglichkeit. Wenn ich dabei an einem Stand für einen Umweltverband stehe, verbinde ich dies mit einer Hoffnung, dass dessen Lobbyarbeit wesentlich mehr ist als ein Tropfen auf den heißen Stein und die Menschen, die bei mir Mitglied werden, tatsächlich etwas tun können gegen die uns noch aus dem Dunkel schon umgreifende Kraft der Vergänglichkeit und Zersetzung, die immer deutlicher spürbar wird. Ich überzeuge, dass Umweltverbände etwas dagegen tun können, dass wir Menschen durch das Abfackeln von Jahrmillionen an Wäldern, die als Erdöl, Kohle und Gas im wahrsten Sinne unter uns weilen und immer mehr weilten, dennoch unsere paar Jahrhunderte industrieller Zivilisation erhalten können. Und weil ich dies durch fokussierende Ausblendung des ganz Großen überzeugend vertreten kann, verdiene ich damit wahrlich hundertmal mehr Geld als bisher durch Texte wie diesen.
Weil Hoffnung in den meisten und auch in diesem Falle – lustig: Falle – nur durch eine Ausblendung der allerschlimmsten Rahmenbedingungen möglich ist. Ein Kind lässt sich nicht zeugen im selben Moment wie der wahrhaften Vorstellung von dessen Tod. Und wir würden wohl nicht fähig sein, weiterhin zu arbeiten bei der Vorstellung, dass unsere letzten 200 Jahre möglicherweise das Ende von mehr als 10000 Jahren Zivilisation schon jetzt besiegelt haben; dass die „Grenzen des Wachstums“ viel mehr sein werden als ein Buchtitel, sondern ein omnipräsentes Lebensgefühl, das schon jetzt im Aufschwung der dystopischen Literatur der letzten Jahre oder des „düsteren Turns“ in vielen Filmserien von Star Trek bis James Bond zu beobachten ist, das schon jetzt ein drohendes Donnergrollen eines neuen Weltkriegs erhören lässt, wenn man zuhört, was hinter den populären Irrsinnigkeiten von Trump, AfD und all den anderen Scharfmachern steckt und noch schlimmer, welche gesellschaftlichen Stimmungen sie hervorgebracht haben, dann kann einem schon Angst werden – gerade, wenn man ökologisch denkt.
Denn dann weiß man schon jetzt, dass die AfD nur durch Flüchtlingsströme und diese wiederum durch Kriege und diese Kriege wiederum durch Klimawandel und Ressourcenverknappung zustande kommen. Eine Kausalkette, die sich in vielen Beispielen fortsetzt.
Da fällt es schon schwer, sich noch weiter in die anmaßende Tätigkeit des Schreibens zu versetzen und nicht schon lange die Gartenkralle zu schwingen. Denn auch die Annahme, mensch wäre beruflich gut in dem, worin mensch in der Schule gut war – bei mir war es das Schreiben – baut auf jene Kultur auf, die generell Schulen, Unis, Lehrpläne, Kalender, überhaupt unsere Zeitrechnungen und Wochentakte hervorgebracht hat (alles unwahr außer der Kultur).
Ich wünsche mir, dass die Deutsche Nationalbibliothek mit meinem und anderen Namen darin auch noch weitere potentielle Weltkriege überleben wird – doch ich weiß, dass auch das Schicksal der Bibliothek von Alexandria letztlich auf alle und alles wartet.

mic, Leipzig, 15.02.2018


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