Philosophie

Postutopistisch – 2018

Die Heimat des Schreibenden

[Der folgende Text ist gleichzeitig entstanden mit den Verhandlungen über die künftige Einrichtung eines „Heimatministeriums“ in Deutschland – allerdings habe ich davon erst später mitbekommen und die Intentionen dürften andere sein; dennoch zeigt diese Synchronizität, dass das Thema Heimat „in der Luft zu liegen“ scheint.]

In den Kulturwissenschaften wird „Heimat“ unter anderem definiert als „Ort, an dem man sein kann, ohne etwas zu bezahlen“ (oder – im vorkapitalistischen bzw. bald nachkapitalistischen Zustand: ohne etwas zu leisten). Eine schöne Definition eines heutzutage problematischen weil missbrauchten Begriffes – für den eine Wiederaneignung im gerade genannten Sinne schön wäre.

Ein Ort, an dem fürs Dasein keine Gegenleistung erbracht werden muss. Nach Erich Fromm die mütterliche Liebe; aber ich stelle mir auch das Dorf vor, in das mensch nach seinen Lehr- und Wanderjahren zurück kehrt. Dieses Heimatkollektiv ist es auch, für das der Schreibende schreibt. Der Zeitungsreporter erzählt von den neusten Veranstaltungen und den neusten Regeln der Gemeinschaft – Gesetzen – sowie den jüngsten Verstößen gegen diese. Der Reiseschriftsteller erzählt von unbekannten Winkeln der Erde (was immer schwieriger wird). Und der Wissenschaftler (_die Wissenschaftlerin) schreibt über die neusten Entdeckungen auf den Reisen des – empirischen und rationalen – Verstandes.
Allen gemeinsam ist, dass sie eine „Community“ haben, die ihnen zuhört – beziehungsweise in den letzten hundert Jahren: die ihre Texte liest. Bei der Lokalzeitung die Stadt, beim „Spiegel“ das Land und beim Wissenschaftler die wissenschaftliche Community mit ihren Publikationen, ihren Konferenzen und ihren Lehrstühlen.
Durch das Schreiben erreicht mensch mehr Menschen als im Redekreis um ihn sitzen, als sein Sprechorgan an Reichweite besitzt; dadurch bilden sich Kollektive der Zuhörenden, die sich gegenseitig nicht sehen oder hören können; die Heimat, die den Reporter trägt und bezahlt oder ernährt, wird nicht mehr an eine feste Gruppe oder einen festen Ort gebunden, wird deterritorialisiert.
Jetzt, im frühen 21. Jahrhundert, ist die Deterritorialisierung so weit fortgeschritten, dass jeder Mensch in irgendeinem Sub-Kollektiv Erzählender ist – und anderswo Zuhörender. Die Frage bleibt jedoch offen, welche dieser Subkollektive die Erzählenden tragen können. Was gibt ein Erzählender mehr als andere, um dafür dann materielle Güter zu bekommen? Wie muss ein Geist aussehen, der so begeistert, dass Materielles dafür gerne hergegeben wird?
Offenbar anders als der meinige, zumindest als mein schreibender Geist. Denn für diesen habe ich bisher noch nicht einmal ein Fischbrötchen bekommen – das gab es nur als täglich Lohn für meinen zuarbeitenden Geist im Verlagspraktikum, also für den Teil meines Kopfes, der Rechtsschreibfehler korrigiert und den Teil meiner Hände, der Druckwerk in Versandtaschen steckt.
Ich ahne aber mehr und mehr, was es ist, was Leute ihre Fischbrötchen, ihre Kartoffeläcker, ihre Weinberggrundstücke und ihre Kontodaten oder Nobelpreisdotierungen freudig herschenken lässt, nur um eine Geschichte zu lesen wie die von Harry Potter oder vom „Unbehagen der Geschlechter“. Es ist dasselbe, was auch das Gold für die Olympiasieger bezahlt und trägt: Die Menschen wollen im Athleten sehen, zu was Ihresgleichen in der Lage sind, wollen in sich aufsaugen, was neben all dem Ausschuss, all den Mäkeln und Vergänglichkeiten ihre wahre Kraft ist. [Sie wollen den Schein von Unvergänglichkeit in einer vergänglichen Welt.]

[Jetzt kommt ein kleiner Exkurs in die Naturwissenschaften und für den nächsten Satz bräuchte es ein Preisausschreiben für eine Wortneuschöpfung: Wie „einst“ in der fernen Vergangenheit für eine sehr ferne Zukunft.] Die Kräfte der Entropie, des chemisch-physikalischen Maßes der Unordnung, sind unendlich bis zum einstkünftigen „Wärmetod“ des Universums. In chemischen Reaktionen gibt es eine Energiebilanz und eine Entropiebilanz. Eine Verbrennung setzt Energie frei, die Heizungen oder Motoren betreibt; die Photosynthese bindet Energie in Stoffe, namentlich Zuckerverbindungen, Grundlage nicht nur von Holz und Erdöl. Nur als zwei prominente Beispiele. Die Bilanz für die Energie vor und nach einer chemischen Reaktion ist also mal positiv und mal negativ. Dagegen ist – und jetzt kommts – die Bilanz für die Entropie in beinahe allen chemischen Reaktionen positiv im Sinne von „vergrößernd“, das heißt, die Entropie wächst in fast allen chemischen Reaktionen – insbesondere auf den Makroebenen der Astrophysik; das Universum dehnt sich also seit dem Urknall aus, ebenso die Moleküle, die Elementarteilchen – alle entfernen sich zunehmend voneinander, ähnlich wie beim Übergang von fest zu flüssig zu gasförmig, und irgendwann werden diese sich soweit voneinander entfernen, dass alle Materie schließlich komplett zersetzt wird. Weil Kälte das Verlangsamen jeder Molekülbewegung bis zum Punkt der absoluten Erstarrung zum Festkörper, dem absoluten Nullpunkt – minus 273 Grad Celsius – ist und Wärme das Beschleunigen jeder Mokelülbewegung, bis nichts mehr an Ort und Stelle bleibt, noch nicht einmal mehr Elementarteilchen, spricht man vom „Wärmetod“ des Universums. Soweit erstmal der kleine Exkurs in die Naturwissenschaften.
Eigentlich erzähle ich das nur, weil ich die allumfassende und unausweichliche Kraft der Entropie verdeutlichen will – und die meisten Leute spüren diese Kraft, auch ohne den Begriff zu kennen. Ja, jeder Mensch weiß, dass er sterben wird – dass seine Moleküle irgendwann nicht mehr in den Energiekomplex „Lebewesen“ eingebettet sein werden und sein chemischer Reaktionsapparat nicht ewig den kosmisch gesehen seltenen Zustand der Entropiereduktion aufrecht erhalten können wird. (Ja, das vielleicht noch zum Schluss dieses naturwissenschaftlichen Exkurses – nur ein Satz noch, denn dafür geht es um das „Wunder des Lebens“: Es gibt die umstrittene, aber meiner Meinung nach schöne Theorie, dass lebende Systeme sich von unbelebten Systemen dadurch unterscheiden, dass bei chemischen Reaktionen in lebenden Systemen die Entropiebilanz ausnahmsweise negativ ausfällt, also lebende Systeme innerhalb ihres Organismus für die Dauer ihrer Lebendigkeit Entropie verringern.)
Ja, wir Menschen wissen – noch so ein umstrittenes Paradox – als einzige Lebewesen – dass dieser Zustand nicht für immer ist, wir wissen es einfach, dass wir sterben werden. Aber wir denken nicht daran, wir spüren es höchstens dann, wenn wir einen Sportler bewundern, wenn wir einen Nobelpreis verleihen, eine ingenieurstechnische Meisterleistung bestaunen (oder geometrisch perfekte Musik) oder auch nur ein sauber und gerade geschnittenes Brett Holz. Es gibt so viele mögliche falsche Bewegungen und so viele mögliche Unebenheiten, im Holz, in der Aufbockung oder in der Säge, dass die eine richtige Bewegung in uns eine tiefverwurzelte Ehrfurcht freisetzt.
Wir wissen einfach, dass wir auf unzählige Weisen krank werden können, wir sehen es auch manchmal, wenn wir eine neue Warze oder ein neues graues Haar entdecken – das sind alles Vorboten der großen Nachricht, die wir alle kennen; wir wissen, dass jedes vorbeifahrende Auto und jedes offene Fenster eine Möglichkeit des Todes ist.
Dennoch oder gerade deswegen bezahlen wir insbesondere für die Geschichten, die uns für einen kurzen Moment, ja für einen Singularitätsmoment, glauben lassen, „wir“ wären stärker als diese Entropie – und vielleicht sind wir es zwar nicht in diesem Moment, aber für diesen Moment. Das wäre die Singularität – ihr wisst schon: Das, was vor dem Urknall kommt – die letzte Bastion der Metaphysik.
Diese Singularität und mit ihr einhergehende Gefühle von Unendlichkeit oder wenigstens Größe sind es, warum die Menschen im Heimatland einen Vortrag über die Südsee bezahlen, warum ein Student ein Erasmus-Stipendium erhält oder die Lokalzeitung ihr Geld, dafür dass sie die Größe der Stadt mittels der Fülle ihrer Ereignisse deutlich macht.

Soweit hoffe ich, dass diese Erzählung auf der Meta-Ebene jetzt nicht in all zu Vielen von euch den Wunsch erweckt, euer Geld, was ihr freundlicherweise gespendet habt, zurück zu nehmen und rauszugehen. Für diejenigen, die bleiben wollen, sei hiermit die Warnung ausgesprochen, dass von jetzt an der Glaube an die Singularität, an (Unendlichkeit,) Unsterblichkeit oder nur an das Überleben keine Nahrungsquelle mehr im weiteren Text finden wird, ja, das zarte Pflänzchen Hoffnung leider vom Meteoriten erschlagen wird.
[Will jemand gehen?]
Denn leider bauen die meisten menschlichen Zeugnisse der Erhabenheit, die meisten Werke vom Wolkenkratzer bis zur Doktorarbeit auf wirtschaftlichem Wachstum auf, heißt im Grunde auf der Erschließung oder Ausbeutung neuer Naturressourcen. Dass es erst solcher empirischer Wälzer wie der Berichte des „Club of Rome“ oder der IPCC-Klimaberichte (oder diesem Werk vom BUND hier [Zukunftsfähiges Deutschland hochhalten]) bedarf, um eine so banale Sache zu erkennen wie die Endlichkeit natürlicher Ressourcen, ist schon verblüffend. Manche sagen, man bräuchte den Blick auf die Erde von oben oder eine Art Globalisierung dafür, aber reicht es nicht auch schon, den Mikrokosmos zu beobachten – dass zum Beispiel Holz schneller verbrennen als wachsen kann – und daraus auf den Makrokosmos zu schließen?
Genau genommen gehen die Ressourcen nicht zur Neige, sondern ändern nur ihre Zustände hin zu für uns weniger nutzbaren Formen: Kohlendioxid, der Plastikstrudel im Pazifik oder der Dieselruß, ja allgemein Abgase, Abwässer und Abfälle – und hier kommt nun ein letztes Mal der Hinweis – sind nüchtern gesagt Energiezusammensetzungen mit einem höherem Grad an Entropie.
Es gibt in mir die forschende Lust, zu dieser These nun alle mir einfallenden Beispiele aufzulisten und ihre Grenzfälle abwägend zu diskutieren (Wie ist es zum Beispiel mit Edelmetallen?). Aber Wissenschaft ist ja leider etwas, was nur in der Universität einen wirklichen Raum erhält – nur dort bezahlt wird (oder bei interessensgeleiteten Unternehmen) und bei den meisten auch nur das Interesse erhält durch wirtschaftliche Zwangsmittel in Form von Noten, Abschlüssen, dann Geld, dann Futter. Schriftsteller haben dagegen, nicht nur in der Postmoderne, witzig zu sein, also ihren Wert in einem Unterhaltungswert auszudrücken, einem gewissermaßen Hoffnung zu machen, sei es in Form von fiktiven Geschichten, die ins Reich der Phantasie entführen, wo Singularitäten und Unsterblichkeit real sind und in die mensch sich zur Ablenkung von der – Wärmetodswahrheit – flüchten kann wie manche in ihre Seriensucht bei Netflix, sei es in Form des erwähnten unterhaltsamen Hofnarren oder auch in der Form des depressiven Hofnarren, des Höllbeck-ers, der auch schon seit jeher in der Geschichte der menschlichen Kollektive seinen Platz hatte. Und da zwischen Wissenschaft und Schriftstellerei bekanntlich akribisch unterschieden werden soll, will ich hier nicht mehr Wissenschaft reinbringen als absolut notwendig für das große menschliche Ziel der Abendunterhaltung.
Wobei ich damit nicht unterstellen möchte, dass der Grund Ihres und Eures Hierseins allein die Zerstreuung sei; das berührt nämlich noch ein (weiteres) offen geheimes Gesetz der Schriftstellerei: Eine gewisse Hybris, Anmaßung und Arroganz gehören dazu, doch eingehüllt in Habitus. Dies erklärt sich schon daraus, dass die Erzählenden meinen, etwas gesehen oder wahrgenommen zu haben, was die Zuhörenden mehr interessieren könnte als ihre eigentliche sonstige Tätigkeit – und es damit ihrer Aufmerksamkeit wert ist. Auf der Seite der Zuhörenden ist dabei zugleich auch auch eine gewisse Lust an dieser charmanten Form der Unterwerfung vorhanden, also man will diese Leute, die über einem oder vor einem stehen, sie geben qua ihrer Funktion das Gefühl, kurzzeitig von der Verantwortung für das eigene und das Überleben der Sippe entbunden zu sein. Ja, und die Hybris konkretisiert den Begriff der Anmaßung ja auch noch dahingehend, dass es – in der griechischen Tragödie – eine Anmaßung des Menschen gegen Gott ist; in den Tragödien der alten Griechen war es meist ein König, der sich für gottgleich hielt – und am Ende in der Regel einen hohen Preis für diese Anmaßung, für seine Hybris, bezahlen musste.
Definieren wir Gott einmal als den Teil der Welt, der von seiner Dimensionierung her für den Menschen weder gedanklich noch stofflich be-greifbar ist, so ist Gott sowohl die hinter allem kommende und alles zermalmende Kraft der – ihr wisst es – kosmischen Zersetzung als auch gleichzeitig das Paradox der Singularität, in der selbst die umfassendste Urkraft noch einmal ausgesetzt und umgekehrt wird.
Die Hoffnung, dass wir Menschen zumindest als Spezies überleben werden, die Verdrängung des Vergänglichen, ist die Wurzel all jener Wirtschaftsbereiche, die nicht unmittelbar für das nackte Überleben nötig sind – wir nennen sie Kultur. Die Kultur ist eine Hybris und wer sie überzeugend vermitteln kann, dem geben wir Geld, was letztlich nur Kredite sind, die in Erwartung von weiterem Wirtschaftswachstum durch die Notenbanken gedruckt beziehungsweise gutgeschrieben werden; und dieses Wirtschaftswachstum beruht auf der Umwandlung von natürlichen Ressourcen in für Menschen nutzbare Energie – mit einem zunehmenden Maß an nicht nutzbaren Restsstoffen. Ja, Marx sagt, dass Profit sich aus Kapital, Arbeit und Natur=Boden speist und ich müsste noch mehr Fokus auf die Verteilungsfrage legen. Allerdings beantwortet die Verteilungsfrage nur, welcher Mensch wieviele Einheiten an Naturressourcen und die Kalorien wievieler arbeitender Menschen in die Materialisierung seiner geistigen Vorstellungen umwandeln darf – nicht jedoch, wieviele Energieeinheiten insgesamt umgesetzt werden. Da insgesamt mehr Energie umgesetzt wird, also die Wirtschaft wächst, leben bekanntermaßen auch die ärmeren Menschen länger und besser als mancher Reiche der vergangenen Jahrhunderte.
Es ist schön, dass wir immer mehr Wohlstand haben und auch immer mehr Kultur, dass wir durch Teller, Besteck, Trinkspruch, Tischgebet und gedimmte Begleitmusik fürs Dinnergespräch aus der Nahrungsaufnahme ein Ritual machen, das ihre Notwendigkeit an die Grenze des Unaussprechlichen schiebt. Es gibt uns Möglichkeiten, gönnerhaft zu geben und uns gegenseitig zu bewundern – und die meisten von uns haben noch nicht genug Nöte erlebt, um zu wissen, ob diese gebende Solidarität auch dann im Not-Fall noch anhält. Im Krieg tut sie es per Definitionem nicht mehr – zumindest nicht für jene, die zum „Feind“ erklärt werden – aus wirtschaftlichen Interessen, was letztlich vorgezogene instinktive Überlebenskämpfe sind. Sind wir im letzten Akt des Überlebenskampfes alle eine Horde von egoistischen Berserkern? Immerhin spielte die Darstellung eines Gegenbeispiels, wie ein Mann die nur einen Menschen tragende Planke der untergegangenen Titanic seiner Geliebten überlässt, bald 2 Milliarden Einheiten hoher Währung in irgendeinen Kassenzusammenhang.
Ich wünsche mir natürlich den Fall der grenzenlosen Geschwisterlichkeit bis zum gleichzeitigen Tode aller und befürchte allerdings etwas Anderes.
Erwarte das Schlimmste, hoffe das Beste – soviel östliche Weisheit hatte ich immerhin schon beim Abi.
Ja, und jetzt sitze ich hier und erzähle Euch, dass alle Kultur nur auf dem anmaßenden Glauben an einen möglichen Sieg über unsere Vergänglichkeit aufbaut und ich als Schreibender – oder zum derzeitigen Augenblicke Vor-Lesender – in jedem Falle als Erzählender, auch ein Teil dieser Anmaßung bin – ein Teil, der sie sogar so bewusst begeht, dass er darüber erzählt und daher seine Funktion erhält.
Und doch tue ich das, was ich als „Öko“ tagtäglich tue: Ich warne vor dem nahenden Sieg eben dieser verdrängten Vergänglichkeit. Wenn ich dabei an einem Stand für einen Umweltverband stehe, verbinde ich dies mit einer Hoffnung, dass dessen Lobbyarbeit wesentlich mehr ist als ein Tropfen auf den heißen Stein und die Menschen, die bei mir Mitglied werden, tatsächlich etwas tun können gegen die uns noch aus dem Dunkel schon umgreifende Kraft der Vergänglichkeit und Zersetzung, die immer deutlicher spürbar wird. Ich überzeuge, dass Umweltverbände etwas dagegen tun können, dass wir Menschen durch das Abfackeln von Jahrmillionen an Wäldern, die als Erdöl, Kohle und Gas im wahrsten Sinne unter uns weilen und immer mehr weilten, dennoch unsere paar Jahrhunderte industrieller Zivilisation erhalten können. Und weil ich dies durch fokussierende Ausblendung des ganz Großen überzeugend vertreten kann, verdiene ich damit wahrlich hundertmal mehr Geld als bisher durch Texte wie diesen.
Weil Hoffnung in den meisten und auch in diesem Falle – lustig: Falle – nur durch eine Ausblendung der allerschlimmsten Rahmenbedingungen möglich ist. Ein Kind lässt sich nicht zeugen im selben Moment wie der wahrhaften Vorstellung von dessen Tod. Und wir würden wohl nicht fähig sein, weiterhin zu arbeiten bei der Vorstellung, dass unsere letzten 200 Jahre möglicherweise das Ende von mehr als 10000 Jahren Zivilisation schon jetzt besiegelt haben; dass die „Grenzen des Wachstums“ viel mehr sein werden als ein Buchtitel, sondern ein omnipräsentes Lebensgefühl, das schon jetzt im Aufschwung der dystopischen Literatur der letzten Jahre oder des „düsteren Turns“ in vielen Filmserien von Star Trek bis James Bond zu beobachten ist, das schon jetzt ein drohendes Donnergrollen eines neuen Weltkriegs erhören lässt, wenn man zuhört, was hinter den populären Irrsinnigkeiten von Trump, AfD und all den anderen Scharfmachern steckt und noch schlimmer, welche gesellschaftlichen Stimmungen sie hervorgebracht haben, dann kann einem schon Angst werden – gerade, wenn man ökologisch denkt.
Denn dann weiß man schon jetzt, dass die AfD nur durch Flüchtlingsströme und diese wiederum durch Kriege und diese Kriege wiederum durch Klimawandel und Ressourcenverknappung zustande kommen. Eine Kausalkette, die sich in vielen Beispielen fortsetzt.
Da fällt es schon schwer, sich noch weiter in die anmaßende Tätigkeit des Schreibens zu versetzen und nicht schon lange die Gartenkralle zu schwingen. Denn auch die Annahme, mensch wäre beruflich gut in dem, worin mensch in der Schule gut war – bei mir war es das Schreiben – baut auf jene Kultur auf, die generell Schulen, Unis, Lehrpläne, Kalender, überhaupt unsere Zeitrechnungen und Wochentakte hervorgebracht hat (alles unwahr außer der Kultur).
Ich wünsche mir, dass die Deutsche Nationalbibliothek mit meinem und anderen Namen darin auch noch weitere potentielle Weltkriege überleben wird – doch ich weiß, dass auch das Schicksal der Bibliothek von Alexandria letztlich auf alle und alles wartet.

mic, Leipzig, 15.02.2018

Tabellarische Grundthesen einiger Aspekte eines -doch- militanten Plateau-Buchs

These: Es gibt einen Gegensatz zur und einen Ausweg aus der Macht, wie Foucault sie beschreibt, und dies besteht im Nomadentum.

Die Macht gehört zu allen sesshaften Gesellschaftsformen, nicht jedoch zu den nomadischen.

Der Gegensatz von Nomadentum und Sesshaftigkeit zieht sich durch alle Bereiche der Gesellschaft(1), der Geschichte (2) sowie durch jedes „Individuum“/durch jeden Menschen (3).

In der gegenwärtigen Gesellschaft lassen sich verschiedene Verhältnisse von Nomadentum und Sesshaftigkeit ausmachen:

Nomadentum, welches der Sesshaftigkeit dient:
am „unteren Ende“: „Jobnomaden“, die auf eigene Faust / Finanzierung für geringbezahlte Jobs durchs Land reisen (müssen).
Am „oberen Ende“: Geschäftsleute, die meist kollektiv finanziert (Firma, Staat,…) für gut bezahlte und einflussreiche Tätigkeiten global reisen. („Die Mitglieder dieses High-Tech-Nomaden-Stammes haben miteinander mehr gemein als mit den Bürgern der Länder, in denen sie ihre Geschäfte abwickeln.“ André Gorz: Arbeit zwischen Misere und Utopie. S. 16))
Feste: Oktoberfest, Ballermann6 und andere kontrollierte, dem Erhalt des „zivilisatorischen Betriebs“ dienende Ausbrüche

Sesshaftigkeit, die dem Nomadentum dient:
am „unteren Ende“: subversives Abschöpfen staatlicher oder unternehmerischer Mittel für nomadische Kollektivitäten [oder Individualitäten, was allerdings anders zu bewerten ist]
am „oberen Ende“: Ausstiege prominenter „Leistungsträger“ aus der Zivilisation (z.B. Hans Pestalozzi, …) oder selbstgewählte Umverteilung nach unten (Götz Werner u.a.)
Feste: Festivals und Demonstrationen und Kongresse, aus denen Netzwerke nomadisch lebender Menschen hervorgehen können.

Kollektives Nomadentum: alternative Gesellschaftsnetze, aber auch teilweise organisierte u. a.
Individuelles Nomadentum: Kleinkriminalität, …

Recht auf Nomadentum??? wird derzeit unterlaufen
-Bsp: http://www.heise.de/tp/artikel/35/35700/1.html
- Zygmunt Baumann: „globalisierte Reiche und lokalisierte Arme“ (Gegenbewegungen dazu werden systematisch repressiv behandelt: PGA, dissent!, …) ; schlimmes Ungleichgewicht: „Jene überwinden den Raum und haben keine Zeit, diese sind an den Raum gefesselt und müssen ihre Zeit, mit der sie nichts anfangen können, totschlagen.“

Felder des Liebens

Wie können wir die Ambivalenz der Zivilisation zwischen einerseits Befreiung – von Notwendigkeiten der Natur – und andererseits Zerstörung – von Notwendigkeiten von Notwendigkeiten der Natur1 – zugunsten der Befreiung entscheiden?

Wie können wir die Eigenschaften der Zivilisation „das Grobe sanft, das Grausame gütig, das Ungehobelte gesittet“ zu machen (Baumann 1998, 38) noch viel weiter fördern und jene Eigenschaft, die Natur im Individuum zu unterdrücken, im Kollektiven auszubeuten und im Restlichen zu verwüsten2, schnellstmöglich abschaffen?
Wenn wir mit Baumann, Elias, Foucault etc. etc. davon ausgehen, dass Angst, Sicherheits- und Kontrollbedürfnis die tiefenpsychologischen Grundlagen des Zivilisationsprozesses bilden und mit Fromm davon ausgehen, dass Liebe tatsächlich einen Gegenspieler zur Angst, Sein tatsächlich einen Gegenspieler zum angstbedingten und zivilisationsbedingten Haben bildet, müssen wir den Feldern des Habens und der Angst Felder des Seins und des Liebens entgegensetzen. Implizit bestehen diese Felder seit Anbeginn der Zivilisation in Kunst, Spiritualität, Spiel; allerdings allesamt in dem Raum der Ideen, der Metaphysik, der Phantasie und zeitlich begrenzt, sprich: nicht in der Sphäre des Ökonomischen, Materiellen, Existenziellen. Dies muss in dem Maße geändert werden, wie die Zivilisation mit der Zerstörung der Natur genau jene Unsicherheit wiedererweckt, gegen die sie entstanden ist. Die Angst erzeugt das Haben zerstört das Sein erzeugt die Angst.
Aber: Die Fortschritte der Zivilisation bringen auch die sanften, gütigen, „gesitteten“ Seiten hervor – als Nebenprodukt zur Bewältigung, zur Reflexion des Habens. Diese Seite beeinflusst die andere, wachsend mit der zunehmenden Ausdifferenzierung einer Zivilisation und damit evolutionär-automatisch mit zunehmender Zeit wachsend – es sei denn ein Krieg unterbricht diesen Prozess und lässt ihn von vorn beginnen. Mit dem wachsenden Einfluss des Nebenprodukts „Sein“ auf das Zielprodukt „Haben“ werden die Ängste selbst metaphysischer, verlagern sich von der Angst vor der Natur auf die Angst vor der Zivilisation, von der wilden äußeren Umwelt in die wilde innere Seelenwelt. Da die Ängste offensichtlich immer weniger existenzielle Ursachen außerhalb ihrer selbst haben und die Angst selbst immer mehr zur Ursache von Unsicherheit beim Individuum, von Ausbeutung der Umwelt und jetzt auch noch von Zerstörung der Umwelt wird, kann eine Überwindung der kommenden existenziellen Bedrohung nur durch eine Überwindung der Angst erfolgen.
Es gibt bereits Heterotopien, in denen nicht mehr Angst, sondern Liebe die Dimensionen Zeit und Raum beeinflusst: Rainbow-Gatherings, Goa-Partys, manche Aspekte von Kommunen oder einfach Ausdrücke von Lebenskunst. Es sind Orte, an denen die Interaktion zwischen Menschen und zwischen Mensch & Umwelt nicht die größtmögliche Sicherheit vor Angst anstreben, sondern die größtmögliche Liebe anstreben, wodurch der primäre Unterschied zur restlichen Zivilisation entsteht, dass alle Interaktionen das größtmögliche Vertrauen der Interaktionspartner nicht zum Mittel, sondern zum Zweck haben. Es geht zum Beispiel darum, alles Wissen von Anderen (Mensch wie nicht Mensch) primär zur größtmöglichen Entfaltung dieses jeweiligen Anderen zu verwenden wie zu verknüpfen und naturbedingte Konflikte um Ressourcen in größtmöglicher Kommunikation zu lösen und im Idealfall aus diesem Kommunikationsprozess heraus die Interessen gemeinsam so zu präzisieren, dass am Ende keine konfligierenden Interessen mehr vorliegen.
Beispiel: Zwei Männer lieben die selbe Frau (oder andersrum) und freunden sich untereinander so an, kommunizieren so tief und ehrlich, dass sie selbst bemerken, wer wen mehr liebt und dementsprechend das auf einen Menschen projizierte Verlangen nach Liebe verändern oder vertiefen und die eigene Liebe eines Menschen sich transformiert von der erotischen Liebe an sie zu tiefer freundschaftlicher Liebe an beide und deren gemeinsames Glück.
Zwischen Fressfeinden ist diese Interaktion zwar schwieriger, aber kann selbstverständlich ebenfalls auf kommunikativere, liebevollere Weise als bisher erfolgen. Allerdings brauchen solche Verhaltensweisen auch die Möglichkeit, sich zunächst als Parallel-Gesellschaft auszubreiten und die Disposition offen zu halten, die gesamte Zivilisation zu „schlucken“ – denn die Prozesshaftigkeit gibt der Zivilisation selbst auch immer einen schluckenden bzw. integrierenden Charakter, weshalb allein schon zum blanken Überleben dieser Parallel-Gesellschaft diese eine Schluck-Disposition in ihrem Charakter benötigt. Da diese Schluck-Disposition allerdings nicht in dem drohenden Charakter des Raubtiers „Zivilisation“ erfolgen kann, hat sie den ansteckenden Charakter eines Parasiten. Die Parallelwelt muss durch Schönheit und Inspiration anstecken, da sie nicht mit Reichtum und Macht vereinnahmen kann, appelliert somit an die Hingabe anstatt an die Aktion (Interpassivität??)

Gesellschaft der Lebenskunst braucht die Absicherung der Zivilisation, die sich aber endlich auf das Individuum überträgt, das in Freiheit statt Angst leben kann und dafür auch das bedingungslose Grundeinkommen braucht – von dem ich mich ohnehin frage, aufgrund welcher Machtdispositive es denn nach so langen Diskussionen jetzt nicht langsam mal praktisch umgesetzt wird?

  1. [Nochmal klären, was mit „von Notwendigkeiten von Notwendigkeiten der Natur“ gemeint ist] [zurück]
  2. Das Restliche = Abfall, alte (Berg-)Baugruben, Atommüll, Abgase, Abwässer, Bauruinen, … auch nicht verwertbare Seelenteile gehören zum „Restlichen“ und Vernachlässigung lässt diese verwüsten [zurück]

Über die Gabe der Hingabe

(diesen Text habe ich beim heutigen Wieder-Lesen emotional nur oberflächlich verstanden, und ich konnte nicht anders als schwimmend drüber lesen, aber verbunden mit den anderen Texten entfaltet er im Nachklang doch ein wenig von der gefühlten Wirkung beim Schreiben; habe ihn zur Veröffentlichung rausgewählt, da mir sein Titel die letzten Tage im Kopf rumschwirrt)

Hingabe ist der unkonventionelle Mittelweg zwischen Unterdrückung der Anderen und Unterwerfung des Selbst, zwischen Dominanz und Devotion, zwischen Vereinnahmen und Vereinnahmt-Werden, zwischen Bestehendem akzeptieren und Bewegung schaffen.

Hingabe ist passiv, wird bestimmt durch die Möglichkeiten des Moments, der Situation; Hingabe ist aktiv durch die Bewusstheit, mit der die Möglichkeiten des Moments, der Situation, aufgegriffen werden. Durch diese Bewusstheit macht Hingabe aus einem heteronomen Spielball einen autonomen Spieler. Schauspieler, Puppenspieler, Künstler, Architekten, Gestalter der Gegenwart.

Und Hingabe ist auch eine meiner Lieblings-Daseinsformen, Schaumbläßchen auf der Flutwelle der Zivilisation – mitschwimmend und doch nicht Teil von ihr – von ihr getragen werden und doch nicht von ihr abhängig sein – den Ausweg immer zum nomadischen Wind und nie zur urbanen Flut ausgerichtet – unsichtbar und scheinbar kaum da zu sein und trotzdem die Richtung das Gesicht der Welle bestimmend…

Das Bild der Welle läuft ein Zitat aus einem Städtebaubuch in mir hängen bleiben, was eigentlich nicht viel gemeinsam hat mit der Hingabe außer der Erkenntnis, dass Passivität manchmal auch Aktivität bedeuten kann:
„Da es sich jeder Kontrolle entzieht, wird das Urbane über kurz oder lang zu einem wesentlichen Träger der Phantasie werden. Neu definiert, wird der Urbanismus nicht nur, oder nicht hauptsächlich, ein Beruf sein, sondern eine Denkweise, eine Weltanschauung mit folgendem Anliegen: das Bestehende zu akzeptieren. Wir bauten Sandburgen. Jetzt schwimmen wir in dem Meer, das diese weggespült hat.“
(Koolhaas, Rem: Stadtkultur an der Jahrtausendwende, in: Bollmann, Stefan (Redaktion): Kursbuch Stadt: Stadtleben und Stadtkultur an der Jahrtausendwende, Stuttgart 1999, Seite 12)

Im Bereich der Werte zeigt Hingabe auch einen neuen Weg auf, der sowohl den harten Daseinskampf der Natur im darwinistischen Sinne als auch das Einsperren der Natur als einzigen Weg zum Humanismus in den beschränkten christlich-abendländischen Denkweisen hinter sich lässt.
Es geht zum Beispiel in der Sexualität nicht mehr allein darum, einen „gesunden“ Partner zu bekommen – und auch die Ästhetik, die unterbewusst immer das schön findet, was gesund und „fortpflanzungswert“ erscheint, wird sich entsprechend ändern. Bislang hatten die weniger schön und gesund aussehenden Menschen nur die Religiosität als Weg, ein anerkanntes Leben zu führen, ob im Kloster inclusive der materiellen Konditionen oder in der Ehe inclusive der kulturellen Konditionen, die das Einsperren der sexuellen Natur als Weg aus dem Daseinskampf in der Sexualität ansieht.
In der Tat lässt sich beobachten, dass nur wenige Menschen ihre körperlichen und seelischen Bedürfnisse nach Sexualität und Liebe in befriedigendem Maße ausleben können, wenn sie den offenbar doch nicht ganz rein subjektiven und „inneren“ Werten der Schönheit und der Gesundheit weniger entsprechen. Diese Menschen haben in einer Gesellschaft, die auf der Polarität von Darwinismus und Religion, von Neoliberalismus und Konservatismus, aufgebaut ist, nur eine eingeschränkte Möglichkeit, mit anderen Menschen in intimere Kommunikation zu treten – was einhergeht mit einem Mangel aller damit einhergehenden wichtigen erweiternden Wirkungen auf das Selbstbewusstsein, die Liebesfähigkeit, das Einfühlungsvermögen, das Wohlbefinden, die Menschenkenntnis, die kommunikativen Kompetenz, die wiederum neue Zugänge zu intimer Kommunikation ermöglicht.

Hingabe bedeutet, das „menschliche“ auch in Menschen zu sehen, die nicht unbedingt der eigenen ästhetischen Empfindung entsprechen – und damit auch eine stärkere Reflexion unserer Ästhetik in ihrem kulturell institutionalisierten darwinistischen Charakter. Das „menschliche“ zu sehen bedeutet exakt, das eigene Ich im anderen Ich zu sehen und sich dadurch eins zu fühlen – in diesem Moment spielt der sexuelle Kommunkationsakt keine Rolle mehr. Das Verlangen nach Vereinigung, welches das menschliche Verhalten von der Kleidung (Mode, Schmuck, Accessoires,…) über die Fortbewegung (Automarken, Gangarten,…) bis zur Wahl des Reiseortes (damit ist nicht nur direkter „Sex-Tourismus“ gemeint) und sogar bis zum elementaren Bruch mit der Gesellschaft entfremdet (sexualisierte Gewalt1) hört in dem Moment des Eins-Fühlens auf, zu existieren.
Hingabe ist nichts weiter als das Verlängern dieses Moments des Ein(s)-Fühlens, was dem ureigenen Charakter des Moments als kurzes singuläres Ereignis von der Länge eines Augen-Blicks paradoxerweise widerspricht und in seiner Ausgestaltung daher auch wie Magie wirken kann.
Dieses magische Ausgestalten eines Momentes erfolgt durch Ausdifferenzieren in seine Bausteine mittels künstlerischer Verarbeitung. Diese Kunst, den Moment zu gestalten, kann auf unterschiedliche Weise erfolgen durch Singen, Tanzen, Musizieren, Dichten, Erzählen, Schreiben, sich miteinander bewegen, schauspielen, Gegenstände formen, mit Gegenständen spielen, überhaupt spielen, Bilder fotographieren, Bilder aus dem Inneren malen,… Da das Ausdifferenzieren der Bausteine immer feiner aufgegliedert werden kann, sind seine Möglichkeiten ebenso grenzenlos wie die der Sprache, der Gene oder der Atome.
Mehr noch als durch die Grenzenlosigkeit entsteht die Magie des hingebenden Augenblick-Gestaltens durch das Aufbrechen der Isolation zwischen (zum Beispiel in menschlichen Persönlichkeiten repräsentierten) Raum-Zeit-Linien, denn obwohl das Augenblicks-Gestalten ein Ausdruck des Ein(s)-Fühlens des Hingebenden ist, gestaltet sich mit seinem Augenblick nicht nur sich selbst, sondern auch den von anderen wahrnehmbaren Augenblick. Er setzt ihn zum einen in Bezug zur gemeinsamen Zukunft mit anderen – wie ein Kind, das in die Welt gesetzt wird und mit seiner eigenen Raum-Zeit-Linie versehen von den Eltern getrennt auf andere Raum-Zeit-Linien wirkt und durch diesen Prozess des Wirkens eine eigene Raum-Zeit-Linie formen kann2. Zum anderen setzt sich der Hingebende durch das Gestalten des Augenblicks auch in Bezug zur Vergangenheit, die jedoch anders als die gemeinsam erlebte Außenwelt der Zukunft als Innenwelt des Hingebenden existiert – wie die Schwangerschaft, in der aus den Kräften, die von außen kommen, all das heranreift, was ich in einem Augenblicke äußere und den Augenblick selbst zu einer Art Geburt werden lässt, zur Geburt des Ichs durch die Gestaltung des Augenblicks, durch einen Impuls im Raum-Zeit-Gefüge. Somit setzt das hingebungsvolle Gestalten des Augenblicks diesen in Bezug zur Zukunft, zur Vergangenheit und zuletzt zur Gegenwart.
Damit ist das Ein(s)-Fühlen nicht nur ein räumliches Ein(s)-Fühlen mit den Raum-Zeit-Linien in meiner Nähe, in meiner nahen Gegenwart, mit den Menschen und der Umwelt, sondern auch ein zeitliches Ein(s)-Fühlen mit all diesen Raum-Zeit-Linien in ihrer vollen Länge von Vergangenheit bis Zukunft, die nur in diesem Augenblick des Berührens sichtbar wird.

Eine Form des Ein(s)-Fühlens durch hingebendes Spielen mit dem Moment ist der körperliche Akt der sexuellen Vereinigung, der in seinem eigentlichen Charakter als intensivster und wirkmächtigster Form der Kommunikation erst dadurch entsteht, dass das Verlangen nach Eins-Sein durch das tatsächliche Gefühl des Eins-Seins überwunden wird. Und dessen hier genannter Charakter wohl schwerlich von Menschen erkannt werden kann, die ihn noch nicht erlebt haben. Ein tragischer Sachverhalt, der den weithin verbreiteten Umstand erklärt, dass sexuelles Verlangen bei den Menschen, die weit davon entfernt sind, umso allgegenwärtiger wird – und dabei oft aus Scham vor dieser Allgegenwart umso versteckter und umso daher weniger spielerisch und umso weiter von der eigentlichen Sexualität als Akt der Kommunikation entfernt. Eine Rückkoppelung, die im allgemeinen Sprachgebrauch als Teufelskreis bezeichnet wird und zu dessen Ausgang der Schlüssel die Hingabe ist. Erich Fromm hat in seinem weltberühmten Werk „Die Kunst des Liebens“ die Liebe als „Geben ohne Nehmen“, ohne Erwartung einer Gegenleistung definiert. Allerdings blieb er dabei ohne genauere Begründung immer in einem monogamen Weltbild und erweckt damit den Eindruck, dass all seine genialen Erkenntnisse nicht stark genug waren, um durch eine zugleich sprengende und Neues erschaffende Kreativität die religiöse Prägung vom Schutz der Liebe vor dem Darwinismus durch „Schutzhaft“ der sexuellen Natur aufzubrechen und zu ersetzen.
Setze ich jedoch das „Geben ohne Nehmen“ in den Bereich der Sexualität um, fallen die in den meisten großen Kulturkreisen (darunter auch das „Abendland“ als mein Haupt-Bezugspunkt und der islamische Kulturkreis als mein Neben-Bezugspunkt) gegebenen Erwartungen und Verpflichtungen weg und mit ihnen die Ängste davor, dass die Hingabe an den Augenblick diesen nicht nur durch sich selbst in Bezug zur gesamten Welt setzt, sondern durch eine dem Augenblick entfremdete Institutionalisierung. Sich ewig – oder bemüht ewig oder wenigstens durch Ignorieren der Zeitlichkeit scheinbar ewig – mit einem „hässlichen“ oder „kranken“ oder der eigenen Ästhetik sonstwie nicht entsprechenden Menschen zu binden, ist im Allgemeinen eine abschreckende Vorstellung. Eine abschreckende Vorstellung von Zukunft, die im Augenblick der Begegnung in den neoliberalen wie in den konservativen Wertekontexten aber die Gegenwart überspielt und damit jedes freie Gefühl von Ein(s)-Sein nur unter ganz bestimmten Absicherungs-Vorkehrungen wie der Ehe oder einer festen Beziehung möglich macht.
Und da Liebe leider nicht das selbe ist wie Mitleid, benötigt es vieler zufällig wirkender Außenkräfte, um den weniger „normalen“, weniger attraktiven Menschen die Einbindung in eine solche Absicherungs-Vorkehrung zu ermöglichen, oft nur unter ihresgleichen, wenngleich wie bei jeder Absicherungs-Vorkehrung von der Stadtmauer über den Banktresor über die Bürokratie, die den Zugang zu Sozial- und Bildungseinrichtungen absichert bis zu den ganz persönlichen Intimsphäre mit ihrer Errichtung erst die Angst geboren wird. Liebe ist jedoch eine Farbe der Kommunikation und die Spielregeln der Kommunikation sind mit denen der Städte, Banken und durch Steuern zusammengetragenen Geldern der Gemeinschaft in den elementaren Zügen nicht vergleichbar. Letztere sind wirtschaftliche Güter und als solche immer durch einen mehr oder weniger starken Mangel begrenzt. Dagegen ist die Kommunikation zwischen Menschen von ihrer Natur her grenzenlos, höchstens noch beschränkt durch die begrenzte Lebenszeit, in der diese Kommunikation durchgeführt werden kann – und wie Erich Fromm selbst bemerkt, „ist das Zauberhafte an der Liebe, dass sie wächst, je mehr man davon gibt.“ Eine Absicherung der persönlichen Intimsphäre, wenn sie in einen Bezug zur wirtschaftlichen Sphäre gestellt werden könnte – zum Beispiel über das schadensempfindliche Kapital des persönlichen Rufs oder Renomées – kann in unserem von Absicherung und Stationierung geprägten Weltsystem sinnvoll sein, bedeutet bei seiner Einbeziehung in die Sphäre der Liebe jedoch das Einbeziehen des Ur-Gegners der Liebe, der Angst, in diese Sphäre; und da Liebe im Wechselspiel von Überleben und Entfalten oder Fortpflanzen auf der Seite des Entfaltens und Fortpflanzens steht und von der materiellen Sphäre abhängig ist, wird ein Einbeziehen der Angst in die Sphäre der Liebe in etwa das selbe Resultat bringen wie der Versuch einer Koexistenz zwischen Wolf und Schaf im selben Gehege.
Der Exkurs über das Verhältnis von Angst und Liebe bringt zurückkehrend zum Phänomen der Hingabe vor allem die Erkenntnis, das Hingabe nur durch Überwindung der Angst möglich ist und weist darin bereits darauf hin, dass die Überwindung von Normen der Ästhetik, der Schönheit, Attraktivität und Gesundheit zu diesem Prozess dazu gehören. Weiter gefasst bedeutet diese Überwindung ein Bloßstellen der Evolution als eine Tradition, die zwar strenge Vorgaben macht, deren Nicht-Beachtung jedoch im menschlichen Gehirn als Möglichkeit angelegt ist und – geht man von einer materialistischen Grundlage aus – wie alle Möglichkeiten auch nur existiert, weil eine reale Entsprechung dieser Möglichkeit vorhanden sein muss. Es gehört also zur menschlichen Natur, auch gegen die Evolution erfolgreich rebellieren zu können – die technologischen Möglichkeiten vom Tauchen übers Fliegen bis zur Agrar- und Ernährungskultivierung sind eindeutige Indizien dafür. Dennoch lebt unser System davon, dass die Menschen die Ängste vor der Evolution beibehalten, um die Überwindung in Gestalt des Zivilisierungsprozesses weiter voran zu treiben. Dabei werden die Früchte seit Menschengedenken nur von einem winzigen Teil der Spezies genossen – und hingebungsvolle Liebe, liebevolle Hingabe, wäre ein Schlüssel zum Aufbrechen dieser Ungleichverteilung, da sie die Evolutionsüberwindung von einem rein wirtschaftlichen auch zu einem kommunikativen Zivilisierungsprozess ausweitet, welcher zum ersteren teilweise diametral entgegen gesetzte Charakterzüge aufweist und es schließlich möglich macht, allen Menschen ein Ein(s)-Sein mit anderen auf allen Ebenen und ein Spiel mit dem Augenblick des Glücks, das Gestalten der Welt, der Raum-Zeit-Linien, durch Hingeben des Glücks möglich macht.

Natürlich ist diese Argumentation ganz bewusst typisierend, um den Charakter der Hingabe wirklich anschaulich zu verdeutlichen, als Bild kommunizieren und dadurch zu Wahrheit zu machen. Dies ist die Wahrheit in der Welt der geschriebenen Wahrheiten, welche Raum-Zeit-Linien bewusst vor der Geburt in einer langen Schwangerschaft – in jedem einzelnen Augenblick länger, intensiver und ausprobierender – viele andere Raum-Zeit-Linien in sich vereinigt, um umso intensiver auf Raum-Zeit-Linien einzuwirken, zu denen die Bezüge sonst kaum hinzufädeln wären. Die Wahrheit außerhalb der Welt der geschriebenen Wahrheiten ist selbstverständlich wesentlich weniger typisierend, wesentlich weniger scharf konturiert (Im Schwarz-Weiß-Modus ist sie auch hier nicht, sondern höchstens mit stärkeren Konturen und Kontrasten ausgestattet), und wohl jede menschliche Raum-Zeit-Linie hat Impulse von allen Richtungen bekommen, sodass es nicht zwei Klassen, die sexuell Frustrierten und die sexuell Kommunizierenden, oder die drei Klassen der Darwinistischen, der Religiösen und der sich Hingebenden, gibt, sondern alles in allem ein bißchen ist – und damit nicht Menschen als Repräsentanten von Lebensweisen oder Werten gegeneinander kämpfen, sondern die Lebensweisen und Werte innerhalb von jedem Menschen gegeneinander kämpfen (und die Kommunikation zwischen Menschen diese Lebensweisen und Werte mit unterschiedlicher Intensität wahr macht -umso überzeugender wohl, je mehr eine der Lebensweisen sich frei artikulieren kann. Weshalb der Kampf um die Sagbarkeitsräume – und gegen die Tabus und kommunikativen „No-Go-Areas“ – ein entscheidender Kampf um die Lebensweisen und Werte in der Gesellschaft und damit um die politische Macht darstellt.)

[Hingabe und Ästhetik fehlt noch – bzw. warum Vorteil für Schwächere]

  1. Sexualisierte Gewalt ist die größte Entfremdung zwischen Menschen, nämlich Gewalt mit all ihren Keimformen angefangen bei der „Anmache“, zum Erlangen der größten Nähe anzuwenden zu versuchen und dabei dem größten Trugschluss zu unterliegen, die in der „Kommunikation“ zwischen Menschen möglich ist – der Versuch, zu Kommunizieren durch das Gegenteil von Kommunikation, die Gewalt [zurück]
  2. Es gibt keine Wahrheit und doch allein 6 Milliarden menschliche Wahrheiten und sonst noch unendlich viel mehr. Sie isolieren sich voneinander, je mehr auf sie jeweils einwirkt, können allerdings nur leben, indem sie selbst wirken – können also nur leben (in all seinen Dimensionen von Überleben bis Fortpflanzen), wenn sie die Isolation aufheben. Die Aufhebung der Isolation ist der Charakter der Wahrheit. Kommunikation ist die Aufhebung der Isolation. Die Wahrheit entsteht durch einen Akt der Kommunikation, der nie stehen bleibt und die Wahrheit auch niemals abschließt. Daher: Die Wahrheit IST ein Akt der Kommunikation. [zurück]

Für den Wert der Reversibilität

Warum überlege ich so viel mehr, bevor ich etwas konsumiere, bevor ich meine geldgewordene Energie einer bestimmten Person oder Institution zukommen lasse – als dass ich beispielsweise überlege, wie ich einen Bekannten im Straßenverkehr begrüße?

Tätigkeiten im Wirtschaftssystem fließen unweigerlich in ein größeres, komplexeres System ein und lassen sich dadurch nur schwer wieder zurück nehmen. Wenn ich eine Coca-Cola trinke oder bei „Geiz ist Geil“-Saturn eine CD kaufe, lässt sich erstere keinesfalls, zweitere theoretisch zwar schon, aber durch bestimmte Anstandsregeln doch erschwert zurückgeben.

Allerdings ist das gesprochene Wort zwar keine materielle Energieverschiebung, aber wenn es ernstgenommen wird, noch viel irreversibler, denn die in den Worten steckende Energie ist nicht materialisiert wie das Geld und lässt sich folglich nicht von Menschen beliebig benutzen und hin und her jonglieren – ausgesprochen ist ausgesprochen und lediglich ein Zurückdrehen der Zeit könnte es zurücknehmen … was sich mit der Relativitätstheorie durchaus – kybernetisch, nicht kausal – vergleichen lässt: Je stärker die Energie zuwächst, desto kleiner wird die Zeit, sprich je stärker sich ein Wert in Geld fassen lässt, desto weniger kostet er Zeit.(?) Obwohl – was viel Geld kostet, beinhaltet viel Arbeitszeit.
Allerdings – diese Arbeitszeit ist veräußert, materialisiert und steht nicht mehr als eigentlich benutzbare Zeit zur Verfügung – dann stimmt es wieder, dass die zeitaufwändige Energieinvestition, in der Regel die Kommunikation, weniger Geld kostet und ein Weg für die finanziell Schwachen ist, Energie in Umlauf zu bringen und damit auch im Energiekreislauf Energie von Außen aufzunehmen.
Kommunikation als Sein für diejenigen, die nicht Haben können. Sein statt Haben.

(Der kybernetische Vergleich mit der Relativitätstheorie sei an dieser Stelle noch einmal als ästhetische Überlegung bewertet – ob sie tatsächlich der kybernetischen Logik entspricht, erfordert noch einmal Überprüfung, zu der ich mich geistig allerdings hier und jetzt nicht in der Lage sehe, da ich meine Konzentration, schreibend zeitliche Energie, in eine andere Richtung lenken möchte. Gesagt sei, dass der kybernetische Zusammenhang zwischen Kommunikation, Konsum und der Relativitätstheorie, solange er denkbar ist, auch vorhanden ist, es lediglich einer reflektierten Artikulation bedarf.)

Ich möchte eigentlich den Wert der Reversibilität deutlich machen – weil ich befürchte, dass er bald vielleicht nicht mehr möglich ist: Gentechnik, Überwachungsstaat, Artensterben Klimawandel,… viele Dinge lassen sich mit Irreversibilität in Verbindung bringen.
Die Umweltschäden, die mensch anrichtet, sind größtenteils irreversibel.
Aber auch das persönliche Leben wird immer irreversibler, da jeder Schritt und Tritt überwacht werden kann und daher immer juristisch erklärbar und vertretbar sein sollte.. einfach erkundend in der Gegend herumstreunern, zu rennen, wo niemand rennt, zu tanzen, wo niemand tanzt, im Springbrunnen zu baden, auf dem Gehweg meditierend stehen bleiben – alles kann von außen als Abnormalität interpretiert und zur Disqualifikation deiner Person und damit zum Verlust deiner Mitbestimmungskompetenz führen – denn wer nicht mehr ernst genommen wird, kann seine Meinungen und Werte kaum noch durchsetzen.

Kann nicht gedankenverloren einfach mal meinen Kontostand geizig am Automaten anschauen, kann nicht erregungsgeleitet einfach mal Pornobilder notgeil im Internet anschauen, kann nicht entdeckungsgeleitet einfach mal Parcours grenzenmissachtend in fremden Gärten spielen, ohne dass ich Konto-Nummer, IP-Adresse oder Fingerabdrücke auf dem Zaunpfahl hinterlasse……

Die Natur war und ist ein ewiger Kreislauf – und unsere innere Natur ist ebenfalls nicht dafür geschaffen, Entscheidungen zu treffen, die keine kreislaufende oder helix-kreisförmige Form, sondern linear und damit irreversibel sind. Denn Fehler sind menschlich, da kein Mensch die ganze Welt kennen kann und dieses komplex vernetzte Chaos niemals von etwas komplett wahrgenommen werden kann und daher die Fehler reversibel sein sollten – was unser System durch seine Entmündigung über die Freiheit, was ich von meinem Leben andere Menschen wissen lasse, auf der lebensweltlichen Ebene zunehmend verunmöglicht, durch seine ökologische Zerstörungsgewalt auf der systemischen Ebene zunehmend verunmöglicht.

Eine Kultur der Reversibilität muss her!
Zu ihr gehört Humor, denn Humor lässt das gesprochene Wort offen aufnehmen und ermöglicht eine Fortdauer der Kommunikation, da sie Kommunikation bleibt und nicht zu materiellen Faktoren wird wie z.B. deinem Stand in der Gesellschaft.
Dazu gehört situationistisches Erobern der persönlichen Freiheit und eine Offenheit, die so frech ist, dass die Überwachungstechniken ihre Wirkung verfehlen – denn ich überschreite die Grenzen der staatlichen Gesetze und der bürgerlichen Normen so demonstrativ, dass Repression immer die Reflexion der Normen und Gesetze in jener Öffentlichkeit einheizen wird, die die Überwacher selbst erst ausgelöst haben. Nur mit dem Unterschied, dass ich, wenn ich schon es nicht schaffen kann (nicht nur wegen der gezielten Überwachung, sondern auch wegen der ungezielten Entwicklung der Mediatisierung unserer Gesellschaft – was bedeutet, dass es nie möglich ist, alle Empfänger dessen wahrzunehmen, die das von dir – bewusst oder unbewusst – Ausgesendete wahrnehmen), selbst zu bestimmen, wer bestimmte Dinge über mich NICHT wissen soll, selbst zu bestimmen, wer ALLES bestimmte Dinge über mich wissen soll – also einfach so viele Leute mit ins Boot zu holen, dass der Überwachungsstaat mit seinen eigenen Waffen geschlagen wird.
Und zu einer Kultur der Reversibilität gehört nicht zuletzt auch ein ökologisches Verhalten, dass am besten funktioniert, wenn mensch überhaupt gar nicht konsumiert, da er dadurch keinerlei zerstörerische Systeme unterstützen kann und dem Problem der Irreversibiltät ausweichen kann – sprich Containern, Trampen, Wohnprojekte und Wagenburgen etc. bevölkern, Umsonstläden und Sperrmüllbörsen /-halden besuchen……